Feuerspucker und Geigerzähler

Wenn sich am Mad-Scientist-Festival die Kunst mit der Wissenschaft vereinigt, entstehen explosive Performances, verschwörungs­theoretische Katerstudien und übergrosse Ameisen.

Die bulgarischen Feuerwerker Bomb Squad machen aus Chemikalien Kunstwerke.

Die bulgarischen Feuerwerker Bomb Squad machen aus Chemikalien Kunstwerke.

(Bild: Mihail Mihaylov)

Xymna Engel

Der erste Kontakt zwischen Menschen und Ausserirdischen wird in F-Dur stattfinden. Doch vorerst gleitet die Voyager Golden Record weiter – bis über den Rand unseres Sonnensystems –, um den dortigen Bewohnern Botschaften von der Erde zu überbringen. Auf ihr wird die Welt zur Scheibe: Neben Bachs 2. Brandenburgischem Konzert, Hochzeitsgesang aus Peru, dem Lied einer bulgarischen Hirtin und Chuck Berrys «Johnny B. Goode» sind auf der vergoldeten Datenschallplatte auch Grüsse in 55 Sprachen, Geräusche von Tieren und Schlammblasen, Bilder von Molekülen, dem menschlichen Skelett und einem Supermarkt gespeichert.

Die «New York Times» nannte das Sammlerstück, welches von der Raumsonde Voyager 1 transportiert wird, ein «Mixtape für die Götter». Dieser popkulturelle Duktus ist dem Astrophysiker Carl Sagan zu verdanken: Er bestand darauf, neben wissenschaftlichen auch kulturelle Errungenschaften der Erde mit ins All zu schicken. Sonst würde man heute wahrscheinlich von «Schulungsunterlagen für den extraterrestrischen Erstkontakt» sprechen. Wie öde.

Einschaltquoten durch Physik

«Das Schönste, was wir erfahren können, ist das Mysteriöse. Es ist der Quell aller wahren Kunst und Wissenschaft», sagte Albert Einstein. Bis heute gilt: Die ungleichen Zwillinge Kunst und Wissenschaft haben eine enorme Wirkung auf die Gesellschaft, beide fordern kreative Geister. Schon im 17. Jahrhundert verfolgte eine geheime Gruppe von Gelehrten den Bau einer Weltverbesserungsmaschine, die aus Artefakten aus Kunst und Wissenschaft bestehen sollte. Heute generieren Fernsehserien wie «The Big Bang Theory» oder «Breaking Bad» mithilfe von chemischen und physikalischen Formeln hohe Einschaltquoten. Und sogar im «Tatort» wird Crystal Meth gekocht. Doch woher kommt dieser Boom der Stringtheorie und DNA-Sequenzierung in der Populärkultur?

«Ich glaube, viel wichtiger ist die Frage, warum es eine Zeit gegeben hat, in der Kunst und Wissenschaft weniger miteinander interagiert haben. Heute traut man sich wieder mehr, trockenes Fachwissen in spannende Geschichten zu verweben, statt es einfach nur pädagogisch zu vermitteln», so Roland Fischer, der Organisator des Mad-Scientist-Festivals.

Hier treffen Performer, Schlagzeuger und Feuerspucker auf Geigerzähler, Kolben und Natrium. Währenddessen steuert die Voyager durchs Museum. Die deutsch-schweizerische Performancegruppe K.A.U. (wofür die Buchstaben stehen, ist geheim) hat sich der Mission schon in früheren Projekten gewidmet, diesem «paradoxen Unternehmen», wie die Performerin Thea Reifler es nennt. «Die Voyager Golden Record ist ein Versuch, die ganze Welt zu repräsentieren. Aber er ist zum Scheitern verurteilt: Es ist unmöglich, sie in ihrer Vielfalt darzustellen. Dadurch entsteht im Fall der Voyager Golden Record ein kinderbuchartiges Abbild der Welt.

Auch ein Museum wie das Naturhistorische will die Welt erklären, kann aber immer nur eine Auswahl zeigen.» In «Voyager – a Sagan Saga» (Fr, 22 Uhr, Naturhistorisches Museum) wird die Welt von Carl Sagan, dem Physiker mit dem Popstar-Image, der für Offenheit, Neugier und Aufklärung stand, auf den Kopf gestellt. Im Audiowalk wird ein fiktiver Lebenslauf abgeschritten, in der Sagan unter seiner Umwelt leidet, von seiner Mutter getriezt wird und die Datenschallplatte zum Fetisch wird. Darf die Kunst mit der Wissenschaft eigentlich alles anstellen?

«Ja, solange es kritisch ist», meint Reifler. «Das gilt auch umgekehrt, schliesslich benutzt die Wissenschaft oft ästhetische Mittel, um eine gewisse Popularität zu erreichen.» Auch Fischer glaubt nicht, dass vom spielerischen Umgang mit der Wissenschaft eine Gefahr ausgeht. Ganz im Gegenteil, es könne ein Imaginationsraum geöffnet werden. Gefährlich werde es erst, wenn das Gegenteil passiere und die Wissenschaft unnahbar werde. «Schrödingers Katze ist dafür ein gutes Beispiel. Ob man durch dieses berühmte physikalische Gedankenexperiment die Quantenphysik besser versteht, wage ich zu bezweifeln. Die Katze macht es aber zu einer guten Geschichte. Es geht hier vielmehr darum, aufzuzeigen, wo sich die Physik hinbewegen kann.»

Diffusion in alle Richtungen

Bereits im März liess das Naturhistorische Museum Bern mit der Bar der toten Tiere Formaldehyd auf Hochprozentiges treffen und machte das Museum damit zum kulturellen Experimentallabor, welches das Festival Mad Scientist nun vergrössert. Im Unterschied zu Veranstaltungen wie der Nacht der Forschung (findet am 6. September zum zweiten Mal an der Universität Bern statt) geht es hier primär um die Kunst. Und diese diffundiert am Freitag vom schönen Museumsgarten aus in alle Richtungen: Während Ameisen auf Überlebensgrösse wachsen (Fr, ab 19 Uhr) und ein stoischer Museums­elefant per 3-D-Mapping zum Leben erwacht (Fr, durchgehend), erklärt sich das Unerklärliche (Fr, 19.30 Uhr) und Messinstrumente stimmen mit Schlaginstrumenten einen Rhythm of Nature an (Fr, ab 23.15 Uhr).

Beginnen wird das Festival mit dem seltsamsten aller Tiere: dem Menschen. Die kabarettistische Vortragsreihe «Winterbergs Überstunde» (Do, 19.30 Uhr, Bundesplatz) wird zur Gala mit Kammer­orchester ausgeweitet, Hausmeister Winterberg (Uwe Schönbeck) kommentiert den Vortrag von Dr. Christian Kropf jedoch noch immer mit fragendem Gesichtsausdruck und hält mit Halbwissen gefüllte Bomben bereit.

Kaliumchlorat im Koffer

Wirklich explodieren, rauchen und blubbern wird es in der Show von Bomb Squad aus Bulgarien. Da man mit Kaliumchlorat, Natrium oder Aluminium im Koffer aber nicht einfach über die Grenze spazieren kann, war Fischer in den letzten Wochen vor allem mit dem schwierigen Unterfangen beauftragt, die Chemikalien zu besorgen, um die feuerspeiende Zora Vipera in Sprühnebel und Funkenwolken einzuhüllen (Fr, 21 Uhr, Naturhistorisches Museum).

Auch eine echte Feldstudie fehlt im Programm nicht, und erst noch in einem «total unterforschten Gebiet», so Fischer: der Wissenschaft des Hangovers. Am Donnerstag wird im Club Bonsoir der Alkoholpegel der Besucher gemessen und mit dem Katerpegel am nächsten Tag verglichen – inklusive Statistiker, Forschungspaper und Verschwörungstheorien.

Auch wenn sich viele Darbietungen des Festivals weit von der Wissenschaft wegbewegen, wecken sie doch die kindliche Neugier. So sagte auch Timothy Ferris, der Produzent der Voyager Golden Record: «Sollten wir jemals Signale von einem anderen Stern empfangen, dann werden es nicht die Verlautbarungen einer Weltraumbehörde sein, sondern eher die Experimente irgendeiner Schüler-AG.»

DerBund.ch/Newsnet

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