Kunst zum Reinfallen (Staffel 2, Folge 5)

Bei Kunstunfällen gilt: Noch berühmter als die Opfer wird allemal die Kunst. Zum Beispiel die Tübinger «Marmormöse».

«Wenigstens war es keine Steissgeburt»: Feuerwehreinsatz am 20. Juni 2014.

«Wenigstens war es keine Steissgeburt»: Feuerwehreinsatz am 20. Juni 2014. Bild: zvg

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Es war der 20. Juni 2014, der junge Mann war als Austauschstudent nach Tübingen gekommen. Doch was genau in ihm vorging, als er sich an jenem Freitag um die Mittagszeit daranmachte, in die schmale Öffnung zu klettern, die ein Bildhauer namens Fernando de la Jara vor Jahren in einen 32 Tonnen schweren Block aus rosafarbenem Marmor geschlagen hatte, und zwar auf eine Art, die es dem Künstler angebracht erscheinen liess, seine Skulptur «Pi Chacán» zu taufen, was «Liebe machen» heissen soll, jedenfalls in einer Sprache perua­nischer Indigener – dazu gibt es keine verlässlichen Informationen.

Ebenso wenig darüber, wie viel Zeit verstrich, bis jemand doch noch die Feuerwehr alarmierte. Tatsächlich muss dem jungen Mann die Lage, in der er mittlerweile steckte, gleichermassen aussichtslos wie peinlich vorgekommen sein. Zumal die vier Meter hohe künst­lerische Ode ans weibliche Geschlecht von einem unübersehbaren anato­mischen Realismus war. Auf jeden Fall kam um 13.45 Uhr der Notruf, und gemäss dem «Schwäbischen Tageblatt» war er «einigermassen kurios». Umso leichter fiel der Presse dafür die Suche nach jenem Titel, unter dem sich die Geschichte dann bis ans Ende der Welt verbreitete: «Student gets stuck in giant stone vagina», meldete der «Sydney Morning Herald». Auf Deutsch: «Heillos verklemmt» («Süddeutsche Zeitung»). Exakt so sah er auch aus auf dem Bild, das einer seiner Kumpel in aller Unvorsicht verbreitete: eine Art Felsspalte, die fast bis zum Boden reicht und sich dabei verengt, und aus dem Fuss der Spalte ragt seitwärts verdreht ein bebrillter Nerd mit eingeklemmten Beinen, während sich Feuerwehrleute zu ihm niederknien.

War es eine Mutprobe? So konnte man es lesen. Aber Tübingens Oberbürgermeister meinte, «auch unter Berücksichtigung maximaler Adoleszenz­fantasien» könne er sich nicht vorstellen, wie der Unfall passiert sei. Die Kunst blieb freilich unbeschädigt, und der Student entkam ihr unverletzt. Doch während Fernando de la Jara in seinem Werk eine Art mythisches Tor zur Welt erblickt, war es für den namenlos gebliebenen Studenten das Tor zu einem zweifelhaften zweiten Leben: Er wurde zum Strassenwitz im Internet («Wenigstens war es keine Steissgeburt», «Es ist ein Junge!»). Er selber hat sich bis heute nicht erklärt. Doch ebenso wenig entkam er jenem Verdienst, das allen Zeitgenossen zukommt, die Opfer von Kunstunfällen werden: Berühmter als sie wird allemal die Kunst, auf die sie hereinfallen. Das heisst: hinein. Sei das nun die optische Täuschung mit einem schwarzen Loch aus dem Hause Kapoor (wir berichteten). Oder antikes Porzellan aus China in einem Museumstreppenhaus (ebenfalls).

In Tübingen war es nicht anders. Ein bisschen Aufruhr soll es schon gegeben haben, als man das Ding 2001 an einer Ecke namens Schnarrenberg platzierte, vor dem Institut für Mikrobiologie und Virologie. Doch dann war Ruhe um «Chacán», dreizehn Jahre lang, trotz dem «Vorschlag zum Tourismuskonzept», den das «Schwäbische Tageblatt» 2012 in aller Fröhlichkeit lancierte: «In keiner anderen Stadt der Welt steht eine Marmormöse, nur in Tübingen; die Stadt hat in dieser Hinsicht ein Alleinstellungsmerkmal. Doch ist sie in keiner Broschüre zu finden. Man sollte sie umbetten und weithin sichtbar auf den höchsten Hügel stellen.»

Daraus wurde nichts. Doch zwei Jahre später, an einem Junitag zur Mittagszeit, erschien ein Austauschstudent vor dem Marmording. Um das kulturelle Kapital der Stadt zu mehren. Gelobt sei die akademische Jugend in ihrer Schaffenskraft.

(Der Bund)

Erstellt: 06.12.2018, 08:09 Uhr

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