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Kunst und Knöllchen

Wie kann man das Leben entschleunigen? «Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel empfiehlt: die Slow-Bewegung.

Vier Sekunden. So lange verweilen Museumsbesucher heute durchschnittlich vor einem Kunstwerk. Das vermutete unlängst das Kunstmagazin «Monopol». Vier Sekunden. Das ist etwa so lang wie ein durchschnittlicher Ballwechsel im Tischtennis. Oder der Spülvorgang einer Toilette. 2012 waren es laut einer Studie der deutschen Zeppelin-Universität immerhin noch elf Sekunden. Aber vier Sekunden? Dafür lohnt es sich als Künstler ja kaum mehr, den Pinsel anzusetzen. Bevor es zu einem weltweiten Künstlerstreik unter dem Hashtag #fightfourseconds kommt, sollte man sich also schnellstmöglich fragen: Was dagegen tun? Die Antwort lautet: Slow Art.

Vorreiterin in diesem Gebiet ist die Tate Modern in London. «Slow Looking» heisst das Konzept, welches die Besucherinnen und Besucher in der aktuellen Ausstellung «The Colour of Memory» über den französischen Maler Pierre Bonnard «ermutigen» soll, mehr Zeit mit dem Bild zu verbringen. So beschreibt es Tate-Kurator Matthew Gale («Natürlich kann man niemanden zur Entschleunigung zwingen»).

Wie sie das anstellen? Meine erste Vermutung: Das Museum macht sich die verteufelten Handys zunutze und ermittelt per GPS, wie lange sich der Besucher vor einem Kunstwerk aufhält. Ab zehn Sekunden gibt es einen Punkt, ab zwanzig Sekunden zwei, für Selfies gibt es einen Punkt Abzug. Nach abgeschlossenem Rundgang kann man sein Punktekonto per App auswerten und sich ab dreissig Punkten im Museumsshop ein Handtuch mit einem Picasso-Aufdruck abholen, damit man auch im Alltag «auf Tuchfühlung» mit der Kunst gehen kann.

Die Realität in der Tate ist natürlich ein bisschen weniger «Nineteen Eighty-Four»: Man bietet eine grosszügige Hängung und Führungen in kleinen Gruppen, die eine ganze Stunde mit nur zwei bis drei Bildern verbringen.

Ich bin in letzter Zeit zwar nicht durch die Tate spaziert, habe aber eine ganz ähnliche Erfahrung im heimischen Kinderzimmer gemacht. Dort werde ich derzeit lautstark zum Bilderschauen «ermutigt». Will ich zu schnell zum nächsten Buch oder eine Seite weiter blättern, hält mich mein Eineinhalbjähriger mit Schreien und Stampfen davon ab. Doch der Schauzwang trägt Früchte. Was ich auf den Bildern alles entdecke: Hasenohren hinter grossen Steinen, interessante perspektivische Verzerrungen auf Wimmelbildern, ja ich könnte Ihnen sogar sagen, wie viele «malzbonbonfarbene Knöllchen» ins Gras «purzeln», nachdem der Maulwurf die Ziege gefragt hat, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Nicht auszudenken, was da für Entdeckungen in der grossen weiten Kunstwelt auf mich warten.

Es läge mir also fern, über die Slow-Bewegung zu schnöden. Von Slow Travel («Reist du noch, oder erlebst du schon?») über Slow Food (ein «Riesenthema») bis zu Slow Sex (der «Megatrend»): Ich bin sogar für deren Ausweitung. Meine Vorschläge: Slow-Zebrastreifenüberquerung, Slow-Aktienhandel oder Slow-Schlafen.

Leider reicht jetzt aber die Zeit für einen geistreichen Schluss dieser Kolumne nicht mehr: Ich zelebriere ab sofort Slow Writing.

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