Die Welt in knallbunten Wimmelbildern

Seit über drei Jahrzehnten zeichnen M.S. Bastian und Isabelle L. die Welt als Comic. Im Vorfeld zum Berner Galerienwochenende verrät das Künstlerpaar, wie es auf seine Ideen kommt.

Vielschaffer mit hochfliegenden Plänen: Das Berner Künstlerpaar Isabelle L. und M.S. Bastian in seinem selbst geschaffenen Kunstreich.

Vielschaffer mit hochfliegenden Plänen: Das Berner Künstlerpaar Isabelle L. und M.S. Bastian in seinem selbst geschaffenen Kunstreich. Bild: Adrian Moser

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Die sehen ja völlig normal aus! Der Comic-Künstler M.S. Bastian und die Grafikerin Isabelle L. haben keine Glupschaugen, weder Fletschzähne noch wachsen ihnen futuristische Antennen im Haar. Und wenn sie in breitem Berndeutsch über ihre Arbeit sprechen, ploppt auch keine Sprechblase auf. Wenigstens das würde man dem Paar ja schon zutrauen, das für den künstlerischen Wahnwitz in seinen gemalten Bildergeschichten international gefeiert wird.

Nach vielen Jahren Ausstellungstätigkeit in der Galerie Martin Krebs präsentiert das Künstlerpaar nun im Rahmen des Galerienwochenendes seine Kunst erstmals in der Galerie da Mihi; Martin Krebs hat den Betrieb seiner legendären Galerie an der Münstergasse 2015 eingestellt. Das sei ein emotionaler Moment gewesen, sagt M.S. Bastian. «Die Beziehung zwischen Galerist und Künstler ist ein Freundschaftsverhältnis.» Die Wahl des neuen Ortes habe man gut überlegt. «Da Mihi und wir, das passt.»

Einen ersten Blick auf die neuen Exponate gewährt das Künstlerpaar gerne. Doch nicht im Atelier. Der 1963 geborene Berner und seine vier Jahre jüngere Partnerin möchten das nicht. Der Ort in der Bieler Altstadt, wo sie ihre Forschungsprojekte aushecken und malen, sei «zu intim» und mit 18 Quadratmetern nicht für Gäste gedacht. So findet das Treffen im Kunstlager statt: Im Tiefkeller eines Bürohauses in einem Vorort von Biel. Die Fahrt im Lift in den schummrigen Untergrund fühlt sich ein wenig an wie eine Geisterfahrt von der realen in eine fiktive Welt.

Das Gemälde scheint zu ächzen unter dem Overkill an Reizen, mit denen es
bespielt wurde.

An der Seite dieses Künstlerpaars wird selbst das Halbdunkel des Fahrstuhls zum Bilderrausch. Dabei ist das bloss eine Illusion. Es ist, als ob die Fantasie voreilig Bilder produziert, die aus der Erinnerung an frühere Arbeiten kommen. Die «Bastokalypse» zum Beispiel, entstanden vor zehn Jahren. Es ist ein Bild wie ein Comicfries mit über 52 Meter Länge und vollgepackt mit suggestiven Details. Da sieht man Fratzen mit grossen Pupillen, Totenschädel oder verzerrte Gerippe, die aus der Tiefe von Häuserfluchten schweben. Das Gemälde scheint zu ächzen unter dem Overkill an Reizen, mit denen es bespielt wurde.

Alles nur zu zweit

Dass die Atmosphäre der «Bastokalypse» an «Guernica» erinnert, ist kein Zufall. Das Werk bezieht sich nämlich tatsächlich auf jenes berühmte Bild, das Pablo Picasso 1937 als Reaktion auf die Zerstörung der spanischen Stadt Guernica geschaffen hat. Zur Vorbereitung auf die «Bastokalypse» haben M.S. Bastian und Isabelle L. sogar ein Bild mit dem Titel «Guernopolis» gezeichnet. Ziel dabei war, sich mit den dunklen Seiten der Menschheitsgeschichte vertraut zu machen.

Erstaunlich, dass man solchen Horror zu zweit malen kann, ohne sich nach wenigen Pinselstrichen an die Gurgel zu gehen. Seit 2004 gibt es das Künstlerpaar nämlich nur im Doppelpack. Alles, von der ersten Skizze bis zum fertigen Werk, wird gemeinsam geschaffen. «Wir ergänzen uns perfekt. Eine Krise gab es noch nie. Im Gegenteil: Zu zweit ist vieles einfacher», sagt M.S. Bastian, der mit richtigem Namen Marcel Sollberger heisst. Deswegen also das M.S.! Bastian sei der Name der Mutter, und Isabelle L. heisse eigentlich Laubscher.

Eiland der Experimentierfreude

Der Lift ist jetzt unten angekommen. Bastian schliesst eine Betontür auf, macht Licht. «Obacht», möchte man ausrufen, denn das, was man sieht, sticht ins Auge. Auf den riesigen Leinwänden scheinen die Acrylfarben zu glühen. Doch da gibt es auch Mobiles, Skulpturen, Barplakate, Bühnenbilder, dreidimensional Gebasteltes. Man fühlt sich wie in einem Wimmelbild. Dieses Kunstlager ist ein Eiland der Experimentierfreude. Nicht alles hier ist so düster wie die «Bastokalypse». In den paradiesischen Dschungel- und Vierjahreszeitenbildern stecken sogar viel Fröhlichkeit und Humor. Und auch da begegnet man Zitaten aus der Kunstgeschichte.

Bäume, magische Pilze und skurrile Tiere erinnern an Henri Rousseau oder den Aquarellmaler Robert. Eine Figur taucht immer wieder auf. Der Pulp. Er ist zum Markenzeichen für das Künstlerpaar geworden. In den 1990er-Jahren haben sie das Männchen erfunden, das seinen Namen vom Billigpapier hat, auf dem ­trashige Comics, sogenannte Pulp-Magazine, gedruckt werden. Isabelle bezeichnet das Kerlchen, das mit seinem grossen Kopf und den Kulleraugen aussieht wie eine Mischung aus ­Casper und Barbapapa, gerne als ihr Baby.

«Eine richtige Familie hätte neben der Kunst keinen Platz.» Beim Blick in das neuste Werk wird das nachvollziehbar. «Bastomania», ein dreieinhalb Kilogramm schweres Kunstbuch (Scheidegger & Spiess, 2018) gibt auf 600 Seiten und in 1000 Bildern einen Einblick in das 35-jährige Kunstschaffen von M.S. Bastian und Isabelle L. Es ist ein Lebenswerk.

Es habe für ihn nie etwas anderes gegeben als Kunst, sagt Marcel Sollberger. Schon als Dreijähriger habe er skurrile Boliden gezeichnet. Beeinflusst hätten ihn wohl die Eindrücke in der Afrika-Galerie, die seine Eltern in der Berner Altstadt führten. Da ist er zwischen Trommelmusik, Zebrafellen und quietschbunter Tingatinga-Kunst aus Tansania aufgewachsen. Sein Vater, der Anfang der 1950er-Jahre als Mechaniker und Tierfänger mit dem Grosswildjäger August Künzler umherreiste, hat Afrika nach Bern gebracht.

Auch Bastian und Isabelle kennen das Reisefieber. 2003 haben sie gemeinsam eine Weltreise unternommen. Und im kommenden März zieht es sie mehrere Wochen in die Negev-Wüste zum Wandern. «Das Unterwegssein zu Fuss bringt den Ideenmotor im Kopf zum Laufen», sagt M.S. Bastian. So träumt das Künstlerpaar davon, eines Tages eine gigantische Geisterbahn zu realisieren. Bastian wüsste auch schon einen Ort dafür. Warum nicht in Interlaken, wo der Mystery-Park «schläft»? Passen würde es.

«Bastomania»: Galerie da Mihi, Gerechtigkeitsgasse 40, Bern. 12.1. ­– 9.2., Vernissage: heute, 18 – 20 Uhr. – «Bastotropia»: Casita, Schwalbenweg 6a, Bern. Bis 17.1. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2019, 06:34 Uhr

Das Programm am Berner Galerienwochenende

Samstag, 12. Januar, 11 – 17 Uhr
Alle 14 Galerien sind geöffnet.
15 Uhr: Künstlergespräch mit Kotscha Reist und Christian Denzler in der
Galerie Bernhard Bischoff & Partner.
?17.30 – 18 Uhr: Podiumsgespräch in der Grande Société de Berne am Theaterplatz 7. Thema: «Sind kleine Galerien noch zeitgemäss?». Mit Barbara Marbot (Galeristin und Autorin des Buches «Verhandlungssache Galerie. Sind kleine Galerien noch zeitgemäss?», (erschienen im Verlag für moderne Kunst, Wien 2018).



Sonntag, 13. Januar, 11 – 17 Uhr
Alle 14 Galerien sind geöffnet.
?11 Uhr: Filmscreening von videokunst.ch im Kino Rex: «Arbeit als Liebe. Liebe als Arbeit» (2018) von Brigitte Dätwyler und Lena Maria Thüring.

?13 – 17 Uhr: Yves Netzhammer im Robert-Walser-Zentrum, Marktgasse 45. (mks)

Infos zu den Ausstellungen in allen 14 ­Galerien unter: www.bernergalerien.ch/gw

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