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Kühe im Kleiderschrank

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel über Memorisierungsstrategien ohne die Hilfe von Google.

Was glauben Sie: Werden Sie sich am Ende dieses Textes an den ersten Satz erinnern? O.k., damit ist die Chance jetzt relativ gross. Aber es ist schon ein Selt­sames mit unserem Gehirn, diesem 1,3 Kilogramm schweren Blumenkohl in unserem Kopf. Eigentlich ist es ja ein Organ der Superlative: Es besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen, die mit über einer Trillion Synapsen mit­einander verbunden sind. Und die Gesamtlänge aller Nervenbahnen be­trägt 5,8 Millionen Kilometer – damit könnte man 145 Mal die Erde umrunden.

60 Prozent: So viel wissen wir laut der sogenannten Vergessenskurve nach zwanzig Minuten noch von frisch Gelerntem. Nach sechs Tagen ist das Erinnerungsvermögen bereits auf 23 Prozent geschrumpft. Und für immer haften bleiben mickrige 15 Prozent. Doch zum Glück ist Wissen heutzutage gar nicht mehr so wichtig. Es gibt ja Google. Blöd nur, hat Google noch nicht Zugriff auf sämt­liche meiner Aktivitäten. Ich finde auf meiner Facebook-Time­line zwar heraus, wer mir vor drei Jahren zum Geburtstag gratuliert hat, aber Google weiss nicht, wo der verdammte Gutschein für den Alpenrundflug ist, den ich damals geschenkt bekam.

Was ich ausserdem ständig vergesse: wo ich am letzten Wochenende war, in welchen Winterskiorten ich schon Ferien gemacht habe oder warum ich nochmal ins Wohnzimmer gelaufen bin. Dafür erinnere ich mich genau, wann ich das letzte Mal schlecht gegessen habe. (Es war eine von mir fabrizierte Suppe aus blauen Kartoffeln, deren kötzlige Farbe ich mit Curry zu retten versuchte, am Schluss sah sie aus wie ein ausgelaufenes Einhorn).

Ich kann mir keine Telefonnummern merken, aber ich weiss noch, welche Note ich damals an der Maturprüfung in Französisch hatte, weil ich das Buch nicht gelesen hatte und zu blöd war, mir wenigstens die Namen der Pro­tagonisten zu merken. Warum ich das noch weiss? Das menschliche Gehirn bewertet Negatives bis zu 27-mal stärker als Positives.

Heisst das also, ich kann meine Suppenerinnerung ganz einfach neu­tralisieren, indem ich zum Beispiel 27 Pralinen esse? Doch bevor ich jetzt anfange auszurechnen, wie viele Pralinen es nach der Lektüre einer ganzen Zeitung wären, blicken wir nach Wien. Dort hat unlängst die Gedächtnisweltmeisterschaft stattgefunden. Wie im muskelbetriebenen Sport gibt es auch hier verschiedene Disziplinen. Zum Beispiel müssen sich die Teilnehmenden Gesichter und Namen merken, die nicht zusammenpassen, etwa einen europäisch aussehenden Mann mit dem Namen Dukuzumuremyi Azikiwe. Und dann natürlich die Zahlen: Dem Weltmeister Simon Reinhard ist es dieses Jahr gelungen, sich eine Binärzahl mit 819 Nullen und Einsen zu merken – innerhalb von fünf Minuten.

Wie er das macht? Als Mutter aller Memorisierungsstrategien gilt die Loci-Methode: Man visualisiert die Dinge, die man sich merken soll, und legt sie an Punkten auf einer vorher bestimmten Reiseroute ab, zum Beispiel im Wohnzimmer. Meinen nächsten Einkaufszettel könnte ich mir also folgendermassen merken: In meinem Schrank steht eine Kuh, die mit ihrer Milch all meine Kleider weiss färbt; mein Computer hat plötzlich eine schicke Föhnfrisur aus Basilikum, und auf meiner Türe steht mit Tomatenmark geschrieben: Ich liebe dich.

Das macht mir Hoffnung: Vielleicht finde ich ja irgendwo auf der Gedächtnisroute sogar meinen Gutschein für den Alpenrundflug.

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