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Kreuzungsdonner und tiefe Melancholie

Das Berner Symphonieorchester präsentierte im Münster eine prunkvolle orthodoxe Messe – und ein berührendes Violinkonzert.

Das Berner Sinfonieorchester (BSO) spielte wieder im Münster.
Das Berner Sinfonieorchester (BSO) spielte wieder im Münster.
zvg

Wenn man die Augen wieder aufmacht, befindet man sich – natürlich – im Berner Münster, diesem grandiosen gotischen Kirchenbau, der trotz seiner eindrucksvollen Bauart und trotz des neu restaurierten Chorgewölbes eine gewisse Nüchternheit ausstrahlt. Das festliche Schwarz von Chor und Orchester und die ebenfalls mehrheitlich in gedeckten Farben gehaltenen, erfreulich gut besetzten Kirchenbänke verstärken dieses Gefühl von reformierter Schlichtheit noch.

Wenn man die Augen allerdings schliesst und sich von der Musik entführen lässt, fühlt man sich im Konzert des Berner Symphonieorchesters (BSO) weit nach Osten versetzt – in eine prunkvolle, mit viel Blattgold verzierte und mit Ikonen ausgestattete orthodoxe Basilika. Ein fremdartiges Bimmeln und Klingen ist das, mit wabernden, glockenähnlichen Orchestertutti, brausenden Orgelklängen und nicht zuletzt mit dem mächtig auftrumpfenden, in Altkirchenslawisch singenden Tschechischen Philharmonischen Chor Brno (Einstudierung: Petr Fiala). Dabei ist Leoš Janá?eks «Glagolitische Messe» gar keine typische Kirchenmusik, viele seiner Lösungen sind durchaus eigenwillig zu nennen.

Chefdirigent Mario Venzago hat für das Berner Symphonieorchester aus den diversen Ausgaben und Quellen eine eigene Lesart erarbeitet, die sich an die Urfassung des Werks anlehnt. Da donnert das Crucifixus noch mehr als von Janá?ek später in der gedruckten Version vorgeschrieben. Gleichzeitig wird die Intrada – wie es der Name andeutet – zum Eingang gespielt, eine Wiederholung am Ende dagegen kurzerhand gestrichen (obwohl sie noch im Programmheft steht). Das ist durchaus schlüssig: Nach Peter Solomons Orgelausgangsspiel braucht es keine weiteren Töne. Orchester, Solisten und Chor haben das an Kontrasten reiche Werk glänzend in den himmelhohen Kirchenraum wachsen lassen.

Schlichte Trauermusik

Waren die leisen Passagen in Janá?eks Werk zwar schön ausmusiziert, jedoch insgesamt fast zu selten, bot das den Abend eröffnende Violinkonzert des in die «innere Emigration» gegangenen Anti-Nazis Karl Amadeus Hartmann gleichsam den Kontrapunkt dazu. Verinnerlicht und gerade dadurch ausdrucksstark interpretiert BSO-Konzertmeisterin Theresa Bokány den Solopart dieses «Concerto funebre», einer kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entstandenen Komposition voller Melancholie und Wehmut. In ihrer Schlichtheit berührt insbesondere ihre Interpretation der das Werk eröffnenden und schliessenden Choralzitate, die von den kompakt aufspielenden BSO-Streichern sensibel begleitet werden. Ein durch und durch stimmiges Programm also – ob man es sich nun mit offenen oder geschlossenen Augen anhört.

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