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Kraftorte

«Wahrheit»-Kolumnist Alexander Sury über Energiefelder, Rauchvergiftungen und alte englische Ehepaare.

Das ältere britische Ehepaar rollte in seinem Mietwagen vollkommen entspannt das Natursträsschen hinab, direkt auf den Abgrund zu. Als wir sie zu Fuss passierten, kurbelte der Greis am Steuer die Fensterscheibe herunter und fragte, ob es denn noch weit zum «place of power» sei, das «energy field» sei schon jetzt «amazing». Wir schauten uns leicht irritiert an und wiesen vorsichtig darauf hin, dass sich der Parkplatz weiter oben befinde und eine Weiterfahrt nicht ratsam sei. In der Tat gab es keine Zäune oder Abschrankungen, das Auto wäre hundert Meter tief ins Meer gefallen oder auf Klippen zerschellt. Als sie gleichwohl fröhlich weiterfuhren, überstieg das fast unsere Kraft. Wenig später hielten sie allerdings am Wegrand an, stiegen mit der Geschwindigkeit von sedierten Schildkröten aus dem Auto und zeigten auf den Felsen. Wir atmeten auf.

Der «place of power», die Felsinsel Es Vedrà, erhebt sich etwa zwei Kilometer vor der Westküste Ibizas aus dem Meer. Sie hat eine Fläche von nur einem guten halben Quadratkilometer und ihre Vorderseite ragt 400 Meter steil in die Höhe - eine Eiger-Nordwand im Kleinformat, und das erst noch im Mittelmeer. Ihr vorgelagert ist die kleinere, flache Insel Es Vedranell. Nimmt man die Fähre von Ibiza auf die Insel Formentera, der kleinsten der spanischen Baleareninseln, so sieht man Es Vedrà quasi von hinten - und aus der Ferne glaubt man im Zusammenspiel der beiden Inseln eine in der Savanne liegende Löwin mit dem sich im Gras räkelnden Jungen zu erkennen. Auf diesem Löwenkopf-Felsen sassen der Sage nach in antiker Zeit Sirenen, die Seefahrer in den Tod lockten, lediglich Odysseus ersann sich eine Strategie, die ihm erlaubte, sie zu passieren.

Heute ist die Insel unbewohnt. Bis vor kurzer Zeit lebten dort noch ausgesetzte Ziegen. Da diese offenbar ziemlich gefrässig waren, entwickelten sie sich zu einer Gefahr für die Vegetation und mussten evakuiert werden. Hin und wieder gab es auch Eremiten, die sich auf der Insel niederliessen. Am bekanntesten ist der Karmelitermönch Francis Palau y Quer, der Mitte des 19. Jahrhunderts einige Jahre dort verbrachte und später behauptete, auf dem Gipfel des Felsens das Singen und Musizieren der Sirenen, pardon: der Engel, vernommen zu haben.

Der Mönch lebte an diesem Kraftort in einer kleinen Höhle. In meiner Kindheit hatte ich ebenfalls so ein höhlenartiges Energiezentrum. Auch wenn ich das damals so nicht hätte sagen können. Diese Höhle befand sich unweit unseres Wohnhauses am Hang über der Aare beim Schloss Reichenbach. Dort traf ich mich jeweils mit meinen Blutsbrüdern, dort gab ich einem Mädchen als Fünfjähriger beim Versteckspielen den ersten Kuss und rannte sogleich mit rotem Kopf davon, dort begruben wir eine Zeit lang feierlich unsere Haustiere, und dort erlitt ich auch eine für mein Prestige als tapferes Gangmitglied zuträgliche Rauchvergiftung, weil der Luftabzug von rivalisierenden Banden verstopft worden war. Damals kannte ich natürlich auch Bovis noch nicht - die Einheit, mit der die Intensität des Energiefeldes gemessen wird, benannt nach dem Physiker André Bovis. Aber keine Frage: In dieser Höhle, die einige Jahre später im Zuge des Baus eines Biotpos von der Gemeinde frevelhaft zum Einsturz gebracht wurde, wirkten sakrale Kräfte. Was aus dem englischen Paar geworden ist? Keine Ahnung, wir haben sie nicht mehr gesehen. Vielleicht erfährt eine staunende Welt bald von einer britischen Zweisiedelei auf dem magischen Felsen.

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