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Wie eine Käpsli-Pistole ein Drama entschärft

Beethovens «Fidelio» zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala: Die Regisseurin Deborah Warner verharmlost das Stück, Rettung kommt aber von der Musik.

Weichgezeichnet: Die Gefangenenoper «Fidelio» in der Scala. Foto: Teatro alla Scala
Weichgezeichnet: Die Gefangenenoper «Fidelio» in der Scala. Foto: Teatro alla Scala

Jedes Jahr zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala führt der ganz normale Wahnsinn Regie. Bei keiner anderen Opernaufführung sitzen so viele Königinnen der Nacht im Saal, quetschen sich so viele Zaungäste an die Absperrgitter, heulen die Martinshörner der Polizeieskorten so ausdrucksstark, fallen die Parolen der Demonstranten gegen Verschwendungssucht so laut aus. «La cultura fa paura» steht auf einem Plakat. Die Kultur macht Angst. Das ist Oper vor der Oper. Man könnte das alles nicht besser und grösser inszenieren.

Auch auf der Bühne der legendären Scala muss traditionell dem Anlass entsprechend alles etwas aufwendiger ausfallen als sonst. In Beethovens «Fidelio», dieser radikalen Gefangenenoper, ragt das Bühnenbild von Chloe Obolensky als riesiger Betonwall in den Scala-Himmel und verdüstert den Blick. Nach einem regulären Gefängnis von heute sieht das nicht aus, eher nach dem Hinterhof einer heruntergekommenen Grossstadt oder nach einer brach liegenden Tiefgarage.

Das eindrückliche Bühnenbild verfehlt seine Wirkung nicht – es wird von der Regisseurin Deborah Warner aber leider nicht mit Leben gefüllt. Was könnten die Gefangenen nicht alles machen in dieser Kulisse? Am kalten Stein kalte Zähren weinen, sich die Köpfe einschlagen, sich mit Fratzen und Hauerei als gewalttätige Bande verkommener George-Grosz-Gestalten zeichnen – aber zu all diesen Möglichkeiten und Varianten kommt es nicht.

Stattdessen stehen sowohl Wächter als auch Gefangene unmotiviert in der Kulisse herum und tragen graue Klamotten, die mehr ausdrücken als die Sänger, die in ihnen stecken. Im Blaumann wischt Fidelio den Boden, Marzelline bügelt im Kapuzenpulli die Wäsche, und die Häftlinge spielen Basketball – womöglich zur Resozialisierung. Ein liebes Gefängnis ist das also. Wenn die Eingesperrten Luft schnappen dürfen, marschieren träge Gewerkschafter heran, um ihnen artig den Weg zu weisen. Zurückgedrängt werden die Insassen mit derselben langen Stange wie draussen die Schaulustigen. Gesittet ist das. Als ob es selbst in Europa nicht Haftanstalten gäbe, in denen, wie in Beethovens Singwerk, Leute drangsaliert werden. Als ob es draussen vor den Toren der Scala keine Verletzten gäbe. Die Regie ist einfach eine Nummer zu klein und zu leise für diesen Anlass.

Drastischer ist die Musik

Selbst als sich schliesslich der Bösewicht Pizarro erschiesst, klingt das nicht nach einem richtigen Schuss, sondern nach Käpsli-Pistole. Und wenn zum finalen Freiheits-Chor noch Glitter vom Himmel fällt, fühlt man sich vollends an einen weichgezeichneten Hollywood-Streifen erinnert. Die diesem Stück inhärente Gesellschaftskritik wird so mit Zuckerguss überzogen und die dreckige Realität ausgesperrt.

Drastischer klingt da die Musik. So energisch und resolut geht der Dirigent Daniel Barenboim die selten gespielte zweite Leonoren-Ouvertüre an, dass man schon hier um die Seele Pizarros fürchten muss und um jede Mauer, die er zwischen Florestan und der Freiheit errichtet. Doch Barenboim ist nicht nur ein herrisch dreinfahrender, sondern auch ein strahlend-sinnlicher Musiker. Wenn er im Finale den grossen Freiheitsjubel anstimmt, wenn er den versammelten Chor, das grosse Orchester und das triumphale C-Dur aufbietet und seinen idealistischen Höhenflug durch die Dunkelheit des Bühnenbildes brechen lässt, dann möchte man gleichsam das «o namenlose Freude» mitjubeln. Dem scheidenden Musikchef der Scala gelingt die Musik so gut, dass mitten in der Aufführung jemand schreit: «Bleib, maestro!» Und Barenboim ruft vor versammeltem Auditorium und den Augen des neuen Intendanten Alexander Pereira zurück: «Hoffentlich!» In der Scala herrschen eben andere Sitten. Und für Gesprächsstoff ist jedenfalls gesorgt.

Auch weil das Sängerensemble rundum überzeugt. Falk Struckmann verspritzte als Don Pizarro seinen bösen Geifer und setzte seinen Bösewicht (wohl entgegen der Regieanweisung, doch bitte nicht zu schauspielern) bravourös ins grelle Licht inhumaner Bösartigkeit. Klaus Florian Vogt als Florestan kann sich dagegen strahlend hell absetzen. Wenn er bei den berüchtigten Worten «Gott, welch Dunkel hier» das hohe g leise anfängt und dann grösser und grösser aufgehen lässt, dann reicht ein Ton, um eine ganze Seelenlage zu erklären. So muss das sein, so leidet man mit. Und auch Anja Kampe kann als Leonore mit ihrem biegsamen Sopran wettmachen, was ihr die Regie an Möglichkeiten vorenthält. Ihre leicht modulierbare, silbern gefärbte Stimme schwingt sich mühelos zu irisierend strahlenden Höhen hinauf, was das Premierenpublikum mit einem warmen, lang andauernden Applaus aufnahm.

Bestes vor und nach der Oper

Schade nur, dass dieses Sängerensemble in eine laue Inszenierung gesetzt wurde. In der Scala, sagt ein italienisches Sprichwort, könnten nur Katastrophen oder Offenbarungen passieren. Die rechtschaffene Routine wohnt nicht in diesem Theater. Doch diese Inszenierung ist so flach geraten, dass selbst das normalerweise aufgeheizte Premierenpublikum sich weder zu Buhs noch zu Jubelschreien hinreissen lässt – in der Scala gleichsam die Höchststrafe.

So ist, nachdem der Vorhang fällt, alles wie gehabt. Die Oper nach der Oper beginnt. Eine Schlange glänzender Limousinen kriecht von der Scala zum Palazzo Reale, wo rund 500 Erwählte sich zum traditionellen Eröffnungsdinner treffen. Rasch vergessen ist das laue Lüftchen, mit dem Deborah Warner den «Fidelio» inszenierte. Grösseres Theater entsteht in der Scala ohnehin abseits der Kulissen.

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