Wenn junge Töne flügge werden

Draussen herrscht Montagsgrau, drinnen gibts Klänge im Rückwärtsgang: Das Ensemble Proton Bern hat zum Geburtstagskonzert in die Dampfzentrale geladen.

Das Ensemble Proton hat seine Residenz mit Klängen gefüllt: die Dampfzentrale vibrierte mit neuen Tönen.

Das Ensemble Proton hat seine Residenz mit Klängen gefüllt: die Dampfzentrale vibrierte mit neuen Tönen. Bild: Marianne Mühlemann

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Als führendes Ensemble, das ausschliesslich zeitgenössische und experimentelle Klänge schürft, bespielt das Ensemble Proton Bern seit fünf Jahren die Dampfzentrale. Hier ist seine Residenz, sein Heimathafen, von hier schwärmen die Protönler aus in die Welt. Und die Welt braucht diese jungen Musiker, die sich darauf spezialisiert haben, musikalisches Neuland zu befragen und zu erschliessen und mit neuen Ästhetiken ein Gegen­gewicht zum traditionellen Musikbetrieb zu schaffen.

Nach nur fünf Jahren Konzerttätigkeit sind die Protonwerker über die Landesgrenzen hinaus bekannt und werden als Botschafter für unerhörte Klänge von jungen Komponistinnen und Komponisten mit neuen Werken beliefert. Auch jetzt, zum Geburtstag: Das üppige Ständchen in eigener Sache ist mit 33 Uraufführungen bestückt. Wie fühlt sich so viel Neutönerei an?

Fünfminütige Fantasien

Das Potenzial des Konzertabends mit dem banalen Titel «Viel Glück» ist seine Unberechenbarkeit. Es werden hier nicht nur Töne mit Ohren zusammengebracht, sondern neue Ideen mit derNeugier von Menschen. 33 Komponistinnen und Komponisten zwischen 22 und 76 Jahren haben für das Ensemble Proton je ein fünfminütiges Stück geschrieben. Viele der Tonsetzer sind im Publikum. Sie wollen miterleben, wie die Töne, die sie ausgebrütet haben, flügge werden. Und natürlich den Applaus entgegennehmen für einen besonders gelungenen Geistesblitz. Musik lebt erst im Dialog.

Dirigent Matthias Kuhn nimmt die Herausforderung an, zusammen mit Bettina Berger (Flöte), Martin Bliggenstorfer (Lupofon), Richard Haynes (Klarinette), Vera Schnider (Harfe), Samuel Fried (Klavier), Maximilian Haft (Violine) und Jan-Filip Tupa (Cello) die Stücke als eine Kette zu präsentieren. Das Ensemble folgt seinem MC mit Engagement und spieltechnischem Aplomb.

Bach im Scherbenmeer

Es menschelt gewaltig unter diesen Tönen! Hier ein klarinettöses Hüsteln, dort erregte Tonreihen, die im chemischen Prozess mit andern reagieren und kleine Klangwunder erzeugen. Andere knallen grosspurig in die Runde, ohne dass jemand auf sie reagiert. Der Klarinettist bläst aus Schalllöchern Flüstertöne, mit Stricknadeln werden die Eingeweide des Flügels traktiert. Schöne Geigentöne gebärden sich wie ruppige Naturlaute. Mal tun sich unter kollektiven Texturen Abgründe auf, mal bleiben sie flach wie eine Flunder. Es tut sich eine Welt auf mit neuen Regeln und Gesetzen. In der ein altvertrauter Dur-Akkord plötzlich Erschütterung auslöst. Oder bachsche Klänge im Rückwärtsgang: Sie klingen, als reflektierten sie in einem Meer aus Scherben. Da werden Geduld und Neugier mit Glück belohnt.

Nicht alles aber ist so experimentierfreudig, wie man sich das bei 33 Uraufführungen wünschen würde. Und nicht alles so mutig, wie es sich gibt. Was hat sich der Komponist beim Klavierspieler in roter Unterhose gedacht, den er an den Notenpulten seiner Mitspieler fremdfingern lässt? Wieso verduftet der Cellist, als hätte er glühende Kohlen unter den Sohlen? Muss er eine Saite reparieren, oder muss er mal? Gehört die Fermate, die der Dirigent mit luftigem Nichts erfüllt, zum Konzept? Oder ist sie bloss Panne?

Matthias Kuhn entzündet die Werklein zu wärmenden Höhenfeuern. Oder er lässt sie niederbrennen wie die Wunderkerze, mit der er einmal den Takt schlägt, weil ein Komponist das so will. Bloss welcher?

Das ist die Krux des Abends, dass man schon nach wenigen Minuten die Orientierung verliert. Und nach einer Stunde das Interesse. Wer versteht, hört mehr, heisst es. Doch hier ist das Programm kaum informativer als ein Kursbuch und verweigert dem Verstand jegliche Fragen nach Kunst und Konzept. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2015, 15:03 Uhr

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