Wenn Flüchtlinge Mozart singen

«Identität» lautet das Motto des diesjährigen Lucerne Festival. Der Bezug zur Aktualität gelingt nicht immer.

Zuflucht bei Mozart: Das Projekt «Idomeneo mit Flüchtlingen» wird dem Publikum vorgestellt. Foto: Peter Fischli (Lucerne Festival)

Zuflucht bei Mozart: Das Projekt «Idomeneo mit Flüchtlingen» wird dem Publikum vorgestellt. Foto: Peter Fischli (Lucerne Festival)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es erklingen die ersten Takte der Ouvertüre, auf der Bühne beginnen Leute zu rennen. Hin und her, eine Art Hürdenlauf über die schiefe Ebene, welche das Bild teilt und dominiert. Eine etwas einfach geratene Metapher, denkt man. Doch die hetzenden Menschen bleiben stehen, sammeln sich auf der abfallenden Platte und warten. Das Meer wird auf die ebenfalls schiefe Videoleinwand projiziert, man erkennt ein Schlauchboot.

Flucht bedeutet zwar, davonzulaufen, aber es gehört auch ganz viel Sitzen dazu. Man harrt der Dinge, die kommen mögen. Nicht nur in der Nussschale auf dem Mittelmeer, sondern erst recht dann, wenn man angekommen zu sein glaubt. Die da rennen und harren, wissen aus Erfahrung, wie sich das anfühlt. Sie sind Mitglieder des Flüchtlingschors «Zuflucht» und haben seit 2014 gemeinsam mit dem Verein Zuflucht e. V. schon einige Opernaufführungen gestemmt. «Entweder. Oper. Frieden.» ist das Motto des Vereins, der sich die Völkerverständigung zur Aufgabe gemacht hat und Integration über kulturelle Projekte betreibt.

Dabei bevorzugt Cornelia Lanz, Mezzosopranistin und künstlerische Leiterin, zum Thema passende Stoffe: So handelt Mozarts auch schon inszenierte «Zaide» von der Flucht aus einem Sultanspalast, und im «Idomeneo» eben sind die Trojaner nach verlorenem Krieg auf Kreta gestrandet.

Lächerliche Problemchen

Dort werden die Flüchtlinge zum Spielball der Mächtigen. Idamante, Sohn des Kreterkönigs Idomeneo, will das Herz der Trojanerprinzessin Ilia gewinnen und schenkt ihnen deshalb die Freiheit. Um die gute Tat ins rechte Licht zu rücken, produziert er für das Fernsehen eine Reportage. Immer wieder wird der Lauf der Oper unterbrochen, werden die auf Pritschen schlafenden Migranten von Mikrofon und Kamera bedrängt. Was diese dann zu sagen haben, ist durchaus anrührend. Sie erzählen von dem wenigen, das sie aus der Heimat mitnehmen konnten: eine Brille, der lebensrettende Kompass, die Kufiya des Grossvaters (bei uns auch als Palästinensertuch bekannt). Heimat, Sehnsucht und Verlust sind in diesen von aussen betrachtet unbedeutenden Gegenständen komprimiert, verleihen ihnen eine existenzielle Bedeutung.

Leider gelingt der Inszenierung die Integration dieser zusätzlichen Handlungsebene in die Oper nur ansatzweise. Das private Leid der Protagonisten wirkt vor dem Hintergrund gewaltiger Migrationsbewegungen lächerlich, zudem wird der Fluss der Musik zu oft gestört. Zum Beispiel ist aus der Logik des Regiekonzepts heraus nachvollziehbar, den nach der Freilassung ausbrechenden trojanischen Jubelchor durch das überfallartige Erscheinen des Fernsehteams zu ersetzen. Der Eingriff hebt aber Mozarts ungemein differenziertes Spiel mit Hell-dunkel-Kontrasten auf. Die Regie arbeitet hier gegen die Musik.

Verkniffen und hemmungslos

Das ist schade, denn musikalisch vermag die Produktion weitgehend zu überzeugen. Zwar erreicht Cornelia Lanz als Idamante nicht ganz die stimmliche Ausstrahlung der übrigen Protagonisten; und erweist sich Manolito Mario Franz’ Tenor als etwas zu weich für den militaristischen Idomeneo. Aber Josefin Feiler gibt eine wunderbar mehrschichtige Ilia. Die Entwicklung von der zu Beginn seltsam verkniffenen Prinzessin zur Buhle, die mit ihrem Liebesgeständnis nicht nur alle Hemmungen, sondern auch gleich das Höschen fallen lässt, ist atemberaubend.

Und Tatjana Charalgina als Elettra schafft es, allein durch ihren Gesang die Probleme der Inszenierung aufzudecken. Ihr brillanter, divenhaft strahlender Sopran sticht stets aus dem Ensemble heraus und lässt einen ihre Aussenseiterrolle nie vergessen. Denn der eigentliche Fremdkörper von Mozarts Oper ist diese bis zum Schluss aussenstehende, intrigante Tochter des Agamemnon. Das Thema Fremdheit und Identität wäre also bereits im Stück selbst angelegt, wird von der Regie aber in die Rahmenhandlung verlegt.

Als wahrer Meister der Integration entpuppt sich zuletzt Mozarts Musik. Das spanische Ensemble Band-Art unter der Leitung von Gordan Nikolic spielt sie durchsichtig und zupackend, bleibt dabei aber immer warm im Klang. So vermag sie den Einsatz der arabischen Laute Oud als Begleitinstrument der (stark gekürzten) Secco-Rezitative problemlos zu verkraften. Deren orientalische Klangfarbe wird zu einer selbstverständlich anmutenden Zutat auf Mozarts reicher Klangpalette.

Das Lucerne Festival dauert noch bis zum 10. September

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2017, 18:48 Uhr

Artikel zum Thema

Das Paradies in der Unterwelt

John Eliot Gardiner macht auf seiner Monteverdi-Tour beim Lucerne Festival halt. Auch mit einem fast zu schönen «Orfeo». Mehr...

«Ich bin das Stück»

Interview Patricia Kopatchinskaja gehört zu den gefragtesten Geigerinnen – trotz und wegen ihrer Eigenwilligkeit. Derzeit spielt sie am Lucerne Festival. Mehr...

Schelm trifft Übermensch

Zur Eröffnung des Lucerne Festival dirigierte Riccardo Chailly gestern drei Werke von Richard Strauss. Und schlug damit neue Wege ein. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Höhepunkt namens Sonntag

Tingler 5 Irrtümer der Küchentisch-Philosophie

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...