Weisse Schwäne und ein paar schwarze

Alexei Ratmanskys «Schwanensee»-Rekonstruktion am Zürcher Opernhaus ist eine kleine Sensation – historisch betrachtet. Ästhetisch kommen einem bei diesem «Original» die heutigen Sehgewohnheiten in die Quere.

Kunstvoll und künstlich antiquiert: «Schwanensee» am Zürcher Opernhaus.

Kunstvoll und künstlich antiquiert: «Schwanensee» am Zürcher Opernhaus. Bild: Judith Schlosser

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Nach 25 Minuten bricht die Realität weg. Magisches Blau flutet die Bühne, der Vollmond wird gross, die Landschaft weit. Und aus dem Orchestergraben lässt die Oboe eine Melodie aufsteigen: es ist das Sehnsuchtsmotiv zu Beginn des 2. Akts von «Schwanensee». Und wie sich die Lichtung dann aus dem Nichts mit zwei Dutzend Ballerinen füllt, weissen schwerelosen Traumgestalten, deren Tüllkörper lautlos in einem kollektiven Schweben auf Spitzenschuhen trippeln, da scheint die Zeit stillzustehen: So kennt und liebt man dieses Stück.

Auch in der jüngsten Zürcher «Schwanensee»-Inszenierung wird die Liebesgeschichte zwischen Prinz Siegfried (Alexander Jones) und der verzauberten Schwanenprinzessin Odette/Odile (Viktorina Kapitonova) erzählt, wie man sie kennt. Aber nicht nur. Der kleine Unterschied ist die Sensation dieses Abends: Der russische Starchoreograf Alexei Ratmansky hat mit dem Zürcher Ballett eine Fassung einstudiert, die auf dem Studium aller weltweit noch auffindbaren Quellen (wie Stepanow-Notation, Fotos u.a.) zur Originalchoreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow aus dem Jahr 1895 beruht. Tschaikowsky hat den Triumph dieser überarbeiteten Aufführung in St. Petersburg nicht mehr erlebt. Die davor getanzte Ur-Version, die 1877 in Moskau in einer Inszenierung von Wenzel Julius Reisinger auf die Bühne kam, soll ein Flop gewesen sein.

Pillbox-Hütchen statt Federn

Mit der Rekonstruktion der Petipa-Iwanow-Aufführung will Ratmansky die Ballett-Ikone «Schwanensee» von den Schichten späterer Interpretationen befreien mit dem Ziel, dem Original möglichst nahe zu kommen. Es ist ein Abenteuer, das noch kein Choreograf gewagt hat. Denn Copy/Paste geht nicht in der flüchtigen Tanzkunst, wo das Erbe nicht wie in der Musik durch Partituren überliefert wird, sondern von Tänzer zu Tänzer. So ist das Original auch jetzt nicht «das» Original, weil Leerstellen gefüllt werden mussten. Das Resultat überzeugt und irritiert zugleich, weil einem vertraute Seh- und Hörgewohnheiten in die Quere kommen. Man kann sie nicht ausblenden, ein Zurück geht nicht.

Was ist neu in der rekonstruierten Fassung? Die Schwäne tragen die Haare zu Pferdeschwänzen gebunden und statt Federn runde Pillbox-Hütchen. Statt in steif abstehenden Tutus tanzen sie in wippenden Tüllröcken, die bis zu den Knien reichen. Und zwischen den weissen Schwänen gibt es auch schwarze. Man kennt das in westlichen Inszenierungen kaum, in russischen Produktionen hat es bis heute Tradition.

Das Schrittmaterial der Ensembles ist einfacher. Petipa verstand Ballett als eine seriöse Kunst, in der Grazie und Schönheit zentral seien und nicht «alle möglichen Sprünge, sinnloses Drehen und Beine-Hochwerfen». So wird bei Ratmansky weniger auf Spitze getanzt. Doch auch so gibt es genug Sprungvariationen und Virtuosenfutter. Und die dekorative Kraft von Symmetrien im Raum wird lustvoll ausgereizt. Die kollektive Emotion der Mädchen, die bei der Geburtstagsparty synchron ihre Blumensträusse in die Höhe werfen, während sich vor ihnen die Geburtstagsgäste wie zufällig zur abgezirkelten Phalanx drapieren, wirkt gleichzeitig kunstvoll und künstlich antiquiert.

Früher mollig, heute filigran

Mit Eleganz und Aplomb gelingen Alexander Jones die atemraubenden Sprungvariationen. Immer wieder staunt man über die rasanten Tempi, die dieser rekonstruierte «Schwanensee» anschlägt. Kurzweilig ist das und anspruchsvoll. Die Philharmonia Zürich unter der Leitung von Rossen Milanov klingt nie behäbig oder pompös. Höchstens im Blech zuweilen etwas laut, dafür sind die lyrischen Instrumentalsoli (wunderbar: Hanna Weinmeister, Violine) innig und von überirdischer Schönheit.

Wie präzise zu den schnellen Tempi getanzt wird, ist erstaunlich. Schaut man sich Originalfotos damaliger Schwanentänzerinnen an, wirken sie geradezu mollig im Vergleich zu den filigranen Ballerinen von heute. Kaum vorstellbar, wie sie ihre Beine und Körper derart rasant bewegen konnten, ohne dass es lächerlich wirkte. Der riesige moderne tänzerische Apparat (Ballett Zürich, Ballet Junior, Studierende der Tanz-Akademie Zürich) versteht es, seine technischen Stärken auszuspielen. Der Tanz der vier Schwäne, die Charaktertänze (Csardas, Mazurka, neapolitanischer Tanz) mit Instrumenten als Requisiten oder der Pas de trois zu Beginn (mit Yen Han, Giulia Tonelli und Andrei Coziac) sind beglückend abwechslungsreich. Die detailreichen, farblich fein abgestimmten Kostüme in Erdtönen und Pastell und das Bühnenbild von Jérôme Kaplan sind zwar nicht original, aber im Stil stimmig imaginiert – bis auf die Plastikschwan-Karawane im 2. Akt, ein Extra, das nicht nötig gewesen wäre.

Vertraut und fremd

Dass bei der nächtlichen Begegnung von Siegfried und den Schwänen auch die Kumpel mit von der Partie sind und Benno (Andrei Coclac) sogar mit Odette tanzt, schmälert die sonst übliche Intimität dieser Szene. Historisch korrekt, aber gewöhnungsbedürftig ist auch die expressive Gebärdensprache, die die Handlung dieses «Schwanensees» prägt – sie wirkt vertraut und fremd zugleich.

Am Opernhaus hatte Heinz Spoerli 2005 – erstmals nach dreissig Jahren – wieder einen «Schwanensee» gezeigt. Schon damals brillierten Viktorina Kapitanova in der Doppelrolle der Odette/Odile und Manuel Renard als Rotbart. Wie Kapitanova in der Rekonstruktion die vielen erzählenden Gesten in ihr tänzerisches Vokabular aufnimmt, ist bemerkenswert. Und bevor sie sich zum Schluss in den Tod stürzt – wie nach ihr auch Prinz Siegfried und der böse Rotbart –, da schafft sie nebenbei auch die mörderischen 32 Fouettés mit Bravour; zum Sterben schön.

Weitere Vorstellungen im Opernhaus Zürich bis 22. Mai. www.opernhaus.ch (Der Bund)

Erstellt: 08.02.2016, 13:18 Uhr

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