Wahnsinn? Wahnsinn!

Anna Netrebko ist im Zürcher Opernhaus Anna Bolena – und eine Wucht. Am Ende erhielt die wegen eines Auftritts mit einem ukrainischen Separatistenführer kritisierte Sängerin einen entfesselten Applaus.

Als Anna Bolena eine Klasse für sich: Anna Netrebko. (Archivaufnahme)

Als Anna Bolena eine Klasse für sich: Anna Netrebko. (Archivaufnahme)

(Bild: Keystone AP Photo/Ivan Sekretarev)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Auf der Bühne wird sie betrogen, verraten, geköpft. Aber immerhin nicht ausgepfiffen, trotz der Flugblätter, die vor der Wiederaufnahme von Donizettis «Anna Bolena» vor dem Opernhaus verteilt wurden und noch einmal auf den umstrittenen Auftritt der Anna Netrebko mit dem ukrainischen Separatistenführer Oleg Zarjow hinwiesen. Es war ein zivilisierter Protest gegen die russische Sopranistin. Und zivilisiert war auch die Reaktion des Publikums: Man steckte die Flyer ein, in der Pause wurde da und dort darüber diskutiert – und am Ende erhielt die Netrebko jenen entfesselten Applaus, den sie an diesem Abend verdient hatte.

Denn als Anna Bolena ist sie eine Klasse für sich. Man erlebt es gerade in dieser Inszenierung von Giancarlo del Monaco, die schon bei der Premiere im Jahr 2000 angestaubt war. Da wird kein Versuch unternommen, die Personen als lebendige Wesen zu zeigen; es sind Operngeschöpfe (der Chor sitzt in Logen auf der Bühne), und sie haben nichts als Operngesten vorzuführen. Also: Hände ringen, auf die Knie sinken, sich ans Herz greifen. Auch Anna Netrebko tut es; aber bei ihr wirkt es so natürlich und emotional wie ihr Gesang, der Donizettis Belcanto weit über das pure Schöne hinaushebt. Sie singt nicht, sie glüht, lodert, brennt.

Vielleicht nur überwältigt

Was für ein Unterschied zu Edita Gruberova, die bei der Premiere dieser Produktion auf der Zürcher Bühne stand! Sie interpretierte die Anna Bolena mit glasklaren Linien und lupenreinen Pianissimi, und der finale Wahnsinn wirkte dank dieser kontrollierten Perfektion umso unheimlicher. Bei Anna Netrebko ist man nun nicht einmal sicher, ob ihre Bolena wirklich wahnsinnig wird; vielleicht wird sie nur überwältigt von den Erinnerungen, vom Schmerz, von all den Gefühlen, die unter dem Schafott gekappt werden sollen.

Wo die Gruberova ein Opfer porträtierte, zeigt die Netrebko einen schillernden Charakter, der neben der Liebe und der Verzweiflung auch die Rache und die Wut kennt. Und während man bei der Gruberova die hohe Kunst bewunderte, wird man von der Netrebko hineingerissen in diese Geschichte.

Wie sie das macht: Das ist nun allerdings tatsächlich Wahnsinn. Der übrige Hofstaat kann da nicht mithalten. Zwar ist Luca Pisaroni ein wirklich böser, stimmgewaltiger Enrico VIII; aber man wird den Verdacht nicht los, dass er diese Bolena aus reiner Überforderung weghaben will. Auch Ismael Jordi als ihr erster Geliebter Percy kann sie nicht retten; sein Tenor ist betörend, aber ihm fehlen die Kraft und die Tiefe ihres Soprans. Und was kann ihr die Rivalin Giovanna Seymour entgegenhalten? Veronica Simeoni hätte in jeder anderen Konstellation brilliert; neben der Netrebko wirken ihre Gesten eckig und ihre Kantilenen schrill. Da hätte es schon eine Elina Garanca gebraucht (die bei der letzten Wiederaufnahme des Stücks 2011 die Seymour gab), um einen echten Konflikt auf die Bühne zu bringen.

Die Rechnung geht nicht auf

Vor allem aber hätte es einen anderen Dirigenten gebraucht als Andriy Yurkevych. Ob man bei ihm gespart hat, was man für die Netrebko auslegen musste? Künstlerisch geht diese Rechnung jedenfalls nicht auf. Die Philharmonia Zürich klingt matt unter seiner Leitung, schon in der Ouvertüre stolpert man ziellos durch Takt- und Tempowechsel. Und statt dass das Orchester die Sängerinnen und Sänger tragen würde, mogelt es sich in ihrem Windschatten durch die Partitur.

Yurkevych ist übrigens Ukrainer; dass in der Zusammenarbeit mit Anna Netrebko allfällige politische Differenzen keine Rolle gespielt haben, ist erfreulich. Aber eben: musikalisch leider nicht relevant.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt