Von der Düsternis ins Licht

Das Berner Symphonieorchester und der Schweizer Jugendchor sorgen in der Reitschule für musikalische Rundumerlebnisse.

Ausnahmekünstler: Solo-Trompeter Simon Höfele.

Ausnahmekünstler: Solo-Trompeter Simon Höfele.

(Bild: Sebastian Heck)

Mit jedem neuen Teilchen wird das Ganze klarer. Beim Puzzlespiel jedenfalls ist es so. In der Musik (und im Leben) aber scheint es anders. Da kann eine neue Facette das Ganze relativieren oder verkomplizieren. Die Verunsicherung, die das auslöst, ist unangenehm. Doch sie bewirkt, dass man genauer hinhört, dass man Fragen stellt. Und im besten Fall neue Erkenntnisse gewinnt.

Wie bei der Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns Ekklesiastischer Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester (1970) in der Grossen Halle der Reitschule. Ein stimmiger Ort für dieses aufwühlende Hörspiel (Titel: «Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne»).

Es ist Zimmermanns Schwanengesang. Kurz nach der Fertigstellung nahm er sich das Leben. In dem Stück scheint seine Verzweiflung und Ohnmacht in Tönen zu gerinnen, obwohl der Komponist dieses fragmentierte Werk wohl kaum als Psychogramm verstanden haben wollte. Es erzählt von einem Justizirrtum (Texte aus Dostojewskis «Die Brüder Karamasow») und bezieht sich auf Biblisches (Texte aus dem 4. Kapitel des Predigers Salomo).

Zerfleddernde Kartons

Zimmermann geht es hier aber nicht wie im Eröffnungskonzert des Musikfestivals Bern um die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit («Kleiner Bund», 7. 9.). Er rückt die Anklage allen Unrechts in der Welt ins Zentrum, das der Mensch durch Eitelkeit, Gier und Überheblichkeit verschuldet. Unter der Leitung von Mario Venzago beschwört das Berner Symphonieorchester ein musikalisches Sodom und Gomorrha herauf. Schlagzeuger, Blechbläser und Kontrabässe treiben der Konzertseligkeit die Gemütlichkeit aus. Überall Auflösung, Ausrufezeichen, Attacken. Das bringt den ganzen Raum zum Vibrieren. Eine Elektrogitarre heult, es wütet das Donnerblech, Kartons zerfleddern. So steht das in der Partitur.

Für die zwei Sprechenden Franz Mazura und Julia Kiesler ist es schwierig, sich gegen das Orchester zu behaupten. Nicht immer und überall sind ihre Worte verständlich. Auch Robin Adams muss alle Herkulestricks seiner Gesangskunst mobilisieren. Doch der Bass bewältigt seinen Part mit stimmlichem Apblomb und Klasse.

Ein Ausnahmekünstler ist auch Simon Höfele. Der Solist in Zimmermanns Trompetenkonzert, das den Abend eröffnet, spielt sein Instrument so beweglich und beredt, als wäre es eine menschliche Stimme. Das expressive Spiel berührt, weil es wie ein Echolot in tiefere Schichten menschlicher Gefühle vordringt.

Der Spiritual «Nobody Knows the Trouble I’ve Seen», der in diesem Stück aus den 1950er-Jahren verarbeitet wird, zeigt, wie furchtlos Zimmermann sinfonische Kunstmusik mit jazzigen Spielformen und Improvisation verbindet. Er gibt damit auch ein Statement ab für die Aufhebung der Rassentrennung.

Der Konzertabend in der Reitschule ist klug konzipiert. Zwischen den düsteren Werken von Zimmermann bekommt das Publikum einen Lichtblick lang Zeit zum Aufatmen und zur Kontemplation: Der grossartige Schweizer Jugendchor (Leitung: Nicolas Fink) führt eine 40-stimmige Motette aus dem 16. Jahrhundert von Thomas Tallis auf. Eine Perle der A-cappella-Kunst, die hier als quadrofonisches Raumerlebnis die Sinne betört.

www.musikfestivalbern.ch

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