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Viel Schnackeln und Schnäbeln

Vor der Sommerpause zieht das BSO unter der Leitung von Sylvain Cambreling mit Messiaen, Debussy, Liszt und Beethoven noch einmal alle Register seines Könnens.

Feinsinnig: Pianist Roger Muraro macht seinen Vogel-Job hervorragend.
Feinsinnig: Pianist Roger Muraro macht seinen Vogel-Job hervorragend.
zvg

Einen Tag bevor sich alle Blicke auf Frankreich richten, tun das im Berner Kultur-Casino bereits alle Ohren: Sowohl Dirigent Sylvain Cambreling als auch Roger Muraro am Klavier sind Franzosen. Französischen Ursprungs sind auch die musikalischen Herzstücke des Konzertprogramms; es ist das letzte des Berner Symphonieorchesters vor der Sommerpause.

Wie an der Fussball-EM muss das Publikum im Konzertsaal auf Spannung, spieltechnische Brillanz und rhetorisches Taktieren nicht verzichten – nicht einmal auf Vögel. Zwar gibts keine Schwalben, dafür lässt Olivier Messiaen, der Ornithologe unter den französischen Komponisten, in «Un Vitrail et des oiseaux» von 1986 jede Menge Buchfinken, Gartengrasmücken, Rotkehlchen, Nachtigallen und Amseln zwitschern.

Aufwendiger Vogelzirkus

Das farbige Tschilpen und Tirilieren muss man erlebt haben, es bedeutet Vollbeschäftigung für jene, die sonst im Orchester für Extras und exotische Tupfer zuständig sind. Hier stehen sie im Brennpunkt, 16 Holz- und Blechbläser, sechs Xylofonisten, Schlagzeuger, ein Pianist und zwei Orchesterwarte, die den aufwendigen Vogelzirkus überhaupt erst möglich machen.

So exquisit wie das Personal, das Messiaen da für zehn Konzertminütchen auffahren lässt, ist das Resultat. Die Solisten des BSO und der feinsinnige Muraro am Piano machen ihren Vogel-Job hervorragend. Wie sie Akkordklänge nachhallen lassen, verweist auf Messiaens Orgelkunst. Cambreling hält das quirlige Schnackeln und Schnäbeln zusammen, verleiht ihm schöpferische Farbigkeit.

Diese zeigt sich auch in Debussys «Fantaisie pour piano et orchestre». Spannend, wie Roger Muraro – ein ausgewiesener Messiaen- und Debussy-Spezialist – den kristallinen Solopart mit dem Orchestersatz verschmelzen lässt.

Des Donnerers feine Seite

Zwar wirken die Tempi im Orchester gelegentlich etwas langsam, sodass man etwas die zeitliche Perspektive verliert. Dafür beglücken Cambrelings sorgfältige dynamische Ausgestaltung und die leichte, französische Ästhetik. Das BSO kennt sich darin bestens aus, entspricht sie doch jener von Chefdirigent Mario Venzago.

Ob es ein Zufall ist, dass Cambreling im Juli 1948, genau einen Tag nach Venzago, geboren wurde? Nicht nur Franzosen kommen an diesem Konzertabend «zu Wort», sondern auch der österreichisch-ungarische Komponist Franz Liszt mit der sinfonischen Dichtung «Von der Wiege bis zum Grabe» und Beethoven, der Deutsche, mit der 4. Sinfonie. Eine faszinierende Kombination: Cambreling präsentiert hier zwei Komponisten von ihrer unbekannteren Seite. Statt des aggressiv auftrumpfenden Tasten-Donnerers erlebt man Liszt als kammermusikalischen Feingeist, der Klang auch durchsichtig und schwebend-leise denkt.

Das BSO, das auch in Beethovens heiter-poetischer Klangfantasie glänzt, lässt Liszt in einem grossartigen Piano verklingen, dass man meint, sein Herz lauter klopfen zu hören als den Schlusston. Im Spiel dieses Abends gab es nur Gewinner.

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