Tschaikowsky in der Garage

Paavo Järvi setzt seine Tschaikowsky-Reihe fort. Besonders aufmerksam hören drei Männer im Untergrund der Tonhalle Maag zu.

Zwei Niederländer und ein Amerikaner sind für den Zürcher Tschaikowsky-Klang zuständig: Tontechniker Karel Beuggeman, Tonmeister Jean-Marie Geijsen und Produzent Philip Traugott (v.l.). Foto: Raisa Durandi

Zwei Niederländer und ein Amerikaner sind für den Zürcher Tschaikowsky-Klang zuständig: Tontechniker Karel Beuggeman, Tonmeister Jean-Marie Geijsen und Produzent Philip Traugott (v.l.). Foto: Raisa Durandi

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Man verlässt den Konzertsaal in der Tonhalle Maag durch den Hintereingang, passiert die Brandschutztür, steigt eine Treppe hinunter – und landet in einem garageartigen Raum, der eigentlich das Reich der Schlagzeuger ist. Hier ist Schluss mit Fichtenholz, die Wände sind betoniert, Rohre verlaufen an der Decke. Gemütlich ist anders. Und kühl ist es hier!

Aber Philip Traugott spricht trotzdem von Hitze. Er ist nicht Schlagzeuger, sondern der Chef über das ziemlich improvisierte, aber technisch hochkarätige Tonstudio, das man hier eingebaut hat. Als Produzent ist er verantwortlich für die Gesamtaufnahme der Tschaikowsky-Sinfonien, die das Tonhalle-Orchester unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten Paavo Järvi in dieser Saison einspielt. Live, ganz bewusst: Järvi sei überzeugt, dass die Kombination von Konzertenergie und dem Druck der Mikrofone das Orchester am schnellsten weiterbringe, sagt Traugott, «es ist dann ziemlich heiss unter den Stühlen der Musikerinnen und Musiker».

Soeben haben sie Platz genommen für den Hit dieser Einspielung, Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5. Auch die drei Männer in ihrem Studio sind bereit. Zwei Niederländer, Jean-Marie Geijsen und Karel Beuggeman, sind zuständig für Balance und Tontechnik; der Amerikaner Traugott selbst hat nur die Partitur vor sich, nach der Aufführung ist sie gespickt mit kryptischen Kürzeln und Fragezeichen: Hinweise auf Stellen, an denen ihm etwas aufgefallen ist, das es nachzuprüfen gilt.

Und dann ist da der Monitor, auf dem sich das Geschehen im Saal verfolgen lässt. Man sieht Järvi aus der Perspektive des Orchesters – und erlebt damit noch deutlicher als sonst, wie differenziert seine Anweisungen sind, wie gezielt er einzelne Musiker ansteuert, wie viel Raum er ihnen gleichzeitig lässt.

Eine fast volksmusikalische Frei- und Direktheit wird da spürbar.

Das war schon in der ersten Konzerthälfte aufgefallen, oben im Saal, bei Tschaikowskys weit weniger berühmten Sinfonie Nr. 2. Das letzte Mal stand sie 1978 in einem Tonhalle-Programm, von der damaligen Besetzung ist niemand mehr dabei. Das Stück musste also von Grund auf neu gelernt werden, in sehr wenig Zeit.

Unter diesen Bedingungen hat ein Dirigent zwei Möglichkeiten: Entweder er setzt auf Nummer Sicher und ersäuft die Musik in korrekter Langweile; oder er sucht den intensiven Austausch, das inspirierte Risiko. Järvi tut letzteres: gleich in den ersten Takten dieser Zweiten, in denen er das grosse Hornsolo nicht dirigiert, sondern ganz dem Hornisten Ivo Gass überlässt; und auch danach, wenn er Tempi variiert, Klangcharaktere zuspitzt, die Farben wechselt, als hätte er einen Kippschalter dafür.

Eine fast volksmusikalische Frei- und Direktheit wird da spürbar, ganz ähnlich wie in Bartóks «Tanz-Suite», die Järvi in diesem Konzert sehr gezielt zwischen die beiden Tschaikowsky-Sinfonien gesetzt hat. Rhythmische Vertracktheiten wirken da plötzlich ganz logisch – für die Musiker wie für die Zuhörerin.

Die Arbeit im Tonstudio ist nach dem Konzert noch längst nicht zu Ende: Philip Traugott, Jean-Marie Geijsen und Karel Beuggeman (v.l.). Foto: Raisa Durandi

Auch Philip Traugott unten in seinem Tonstudio schwärmt davon, selbst wenn ihn diese Art regelmässig in die Bredouille bringt. Denn wenn ein Dirigent so spontan musiziert, lässt sich eine Aufnahme kaum aus Teilen verschiedener Aufführungen zusammenschneiden. Gleichzeitig können Schnitte nötig sein: «Wenn jemand die Musiker so an ihre Grenzen lockt, kann auch einmal etwas schiefgehen.»

Dafür hat man eine Patch-Session angesetzt, in der einzelne Passagen nachgespielt werden können. Eine komplexe Sache, Traugott muss dafür nicht nur die problematischen Stellen identifizieren, sondern die ganze Aufnahme Takt für Takt nach Metronomangaben analysieren, damit es danach passt. Auch unter seinem Stuhl ist es deshalb ziemlich heiss: Die Patch-Session ist schon für Freitagvormittag angesetzt, für die Vorbereitung muss die Nacht nach der ersten Wiederholung des Konzerts reichen.

Der amerikanische Produzent und der estnische Dirigent sind seit über dreissig Jahren befreundet.

Da hilft es, dass Traugott und Järvi seit über dreissig Jahren befreundet sind – und denselben Humor haben. Bei einem Dirigierkurs haben sie sich einst kennen gelernt, «und der eine war dann halt besser als der andere». Dieser andere, also Traugott, sattelte dann bald auf Produzent um; seit fünfzehn Jahren arbeitet er eng mit Paavo Järvi zusammen.

In dieser Zeit hat er nicht nur erlebt, wie sich Järvis verschiedene Orchester entwickelt haben, auch der Dirigent selber ist ein anderer geworden. Erfahrener, wagemutiger, «ungemein präzis in seinem Bewegungsvokabular». Ungemein anspruchsvoll auch, was die Aufnahmen angeht; Järvi hört sich alle Mitschnitte an, in die Patch-Session kommt er durchaus mit eigenen Vorstellungen.

Im Moment aber lässt er noch den letzten Akkord von Tschaikowskys Fünfter in den Raum knallen; auch im Tonstudio hört man, wie laut der Jubel danach im voll besetzten Saal ist. «Wow», sagt Toningenieur Jean-Marie Geijsen. Und dann geht die Arbeit weiter.

Wiederholung des Konzerts heute Donnerstag und morgen Freitag, 19.30 Uhr.

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