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Tonscherben für den Jubilar

Zu Heinz Holligers 80. Geburtstag lässt sich das BSO nicht lumpen: Wunderbare Werke und der Meister persönlich am Pult.

Ihm zu Ehren programmierte das BSO ein eigenes Konzert: Dirigent Heinz Holliger.
Ihm zu Ehren programmierte das BSO ein eigenes Konzert: Dirigent Heinz Holliger.
Reto Oeschger

Achtzig Jahre? Zwar weiss man ja, dass Dirigenten gut altern, oft auch mit neunzig noch erstaunlich rüstig sind. Aber so hellwach, so alert und so fit, wie Heinz ­Holliger am Samstag sein Geburtstagskonzert dirigierte, das macht ihm so schnell keiner nach.

Ja, es war sein Konzert, in jeder Beziehung. Ihm zu Ehren programmiert, umfasste es fast alles, was diesen Ausnahmekünstler ausmacht. Gut, ein Oboensolo war nicht mit dabei, aber dass er selber Maurice ­Ravels vertrackte Ballettpartitur «Daphnis et Chloé» vor Jahren als Oboist kennen gelernt hatte, war seinem Dirigat anzumerken. Weniger eingängig als «Boléro» oder «La Valse», und doch eines der beliebtesten Werke des französischen Meisters. Französisch? Holliger liess es sich nicht nehmen, am Ende launig und gut gelaunt auf Ravels Schweizer ­Wurzeln hinzuweisen. Typisch ­Holliger: Kein Wort über sich selber, sondern beiläufige Teilhabe an seinem Wissens- und Erfahrungsschatz.

Grosse Lehrer

Man weiss, dass dieses Wissen weit über die Musik hinausgeht, und darf darin eine Grundvoraussetzung für Holligers weltweites Wirken und Schaffen vermuten. Wissen, dazu Interesse an fremden Kulturen, profunde Literaturkenntnis und überreiche Talente ermöglichen ihm seine Kompositionen. Holliger sagt jedoch offen, dass er ohne seine Lehrer nicht hätte werden können, was er ist – allen voran den Ungarnschweizer Sándor ­Veress.

In ihm sieht er gar so etwas wie den Retter des Berner ­Musiklebens, und von Veress stammt denn auch das zweite Stück des Abends, das Violinkonzert. Im russischen Meistergeiger Ilya Gringolts wurde der ideale Interpret gefunden, der Veress’ prächtigen Melodienreichtum geschmeidig, farbenreich und klangvollendet zur Geltung brachte. Im Amalgam aus Spätromantik und ungarischer Volkskunst (die Zugabe hingegen war dann von Paganini) kommt indirekt eine weitere Facette Holligers zum Tragen, den sein anderer grosser Lehrer, Pierre Boulez, einen «unverbesserlichen Romantiker» gescholten haben soll.

Plastische Klanggebilde

Romantiker, mag sein, aber nicht nur: Im Auftaktwerk «Tonscherben» aus der Feder des Jubilars kam ein ganz anderer Holliger ans Licht. Die Doppelbödigkeit des Titels von 1985 fällt erst beim zweiten Hinsehen auf, natürlich geht es um keine zerbrochene römische Vase. Oder doch? Fast dreidimensional variiert Holliger in kurzen Sentenzen Tonhöhen und -längen, Rhythmen und Takte, Tempi und Dynamik. Es beginnt mit einer Art Bläserflattern, und dann sirrt und flirrt es, der Pianist greift nicht in die Tasten, sondern direkt in die Saiten, der Flügel wird zur Harfe. Die Akkorde der tiefen Streicher gemahnen an ein Alphorn – ein überreicher Klangkosmos von nur zehn Minuten und eine Art Synthese von Holligers Schaffen.

Vor lauter Hören und Staunen vergisst man beinahe den Dirigenten, aber er ist da: wach, exakt und wohlwollend fordernd. Es ist eine Freude, wie akkurat ihm das hier und bei Ravel gross besetzte Berner Symphonie­orchester folgt, und ein weiteres Zeugnis der günstigen Entwicklung dieses Klangkörpers.

Die Herausforderungen sind gewaltig, für Ravels Partitur braucht es allein am Schlagwerk zehn Leute. «Daphnis et Chloé» gipfelt bekanntlich in einem fulminanten Bacchanal, das hier schier die Fenster der Kursaal-Arena zum Klirren bringt. Das Happy End der Ballettmusik war aber noch nicht das Ende des Konzerts, natürlich musste noch «Happy Birthday» angestimmt werden: Mit solch einem Orchester und dem polyphonen, von Zsolt Czetner tadellos auf Ravel eingestimmten Chor von Konzert Theater Bern klang das dann ganz grossartig, sehr zur Freude Holligers und seiner Festgemeinde.

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