Superman der Musik: Heinz Holliger rettet ein Konzert

Der Dirigent als Solist: Heinz Holliger und das Berner Symphonie Orchester verschieben die künstlerischen Grenzen.

An der künstlerischen Grenze: Heinz Holliger.

An der künstlerischen Grenze: Heinz Holliger.

(Bild: zvg)

Wer sich ahnungslos ins Kultur-Casino setzt, müsste irritiert sein, noch bevor der erste Ton gespielt wird. Was soll ein Cembalo auf dem Podest, wenn eine Schubert-Sinfonie, Debussys «La Mer» und Violinkonzert von Bartók aufgeführt werden? Auch die Sitzordnung könnte ein Grund zur Sorge sein: Sie verrät, dass da bloss zwanzig Instrumentalisten erwartet werden, wo das Berner Symphonieorchester doch fast hundert zählt.

Zudem steht Heinz Holliger, der als Dirigent gebucht ist, plötzlich als Solist auf dem Podest. Was ist passiert? Natürlich geht alles mit rechten Dingen zu. Holliger ist der Dirigent, aber eben nicht nur. Weil für die erkrankte Geigerin kurzfristig kein Ersatz zu finden war, springt der bald 77-Jährige ein. So gibts Bach statt Bartók und Oboe statt Violine. Und Holliger wird sozusagen zum Superman des Abends, der durch seinen Sondereinsatz ein Konzert rettet.

Warum also nicht gleich ein Wunder: Wenn man für Bartók Hansheinz Schneeberger hätte gewinnen können, hätte Konzert Theater Bern Geschichte geschrieben: Der grosse Berner Geiger, der im Oktober 90 wird, hat das Violinkonzert 1958 uraufgeführt.

Tänzeln vor dem Orchester

Bachs Konzert BWV 1055 hat Holliger mit der Oboe d’amore schon so oft interpretiert – 2010 auch für eine CD mit der Camerata Bern –, dass es scheint, als könne er das virtuose Werk einfach abrufen. Von Routine aber keine Spur. Die Tempi sind vital, die schwebenden Gesangslinien dank Zirkulär-Atmung phänomenal, das Orchester nimmt sich in ­exponierten Stellen zurück; dennoch dürfte die Begleitung zugespitzter sein. In Schuberts 4. Symphonie – in voller BSO-Besetzung – ist der Zugriff dann packender, das Resultat hat mehr Tiefenschärfe.

Anders denn als Oboist, wo Holliger den Fokus auf Atem und Melodik legt, ist er als Dirigent mehr der Rhetoriker und Rhythmiker. Der aufmerksame Unruhegeist tänzelt vor dem Orchester hin und her, treibt an, attackiert, setzt Ausrufezeichen und Doppelpunkte. Dass er eine Partitur nicht nur als Praktiker reflektiert, sondern auch als Komponist, wird bei Debussy besonders spürbar.

Holliger malt «La Mer» als quecksilbriges Naturschauspiel mit der instrumentalen Farbpalette des gross besetzten Orchesters – eine mitreissende Zusammenarbeit. Künstlerisch könne er nur an seinen Grenzen existieren, sagte Holliger unlängst in einem Interview, dennoch versuche er sie ständig weiter rauszuschieben; an diesem Abend hat er das mit Bravour geschafft.

Der Bund

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