Sie holt den Mars vom Himmel

Mit Experimentierfreude und sanfter Wucht landen die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Camerata Bern im Kursaal eine Sternstunde.

Schön spielen ist ihnen nicht genug: Die Musiker der Camerata Bern.

Schön spielen ist ihnen nicht genug: Die Musiker der Camerata Bern.

(Bild: zvg)

Kreative Denker zerbrechen sich schon lange den Kopf über die Frage, wie erstarrte Konzertformen aufgebrochen und klassische Musikformate erneuert werden könnten. Denn an der Musik selbst kann es nicht liegen, dass sich Konzertsäle leeren, davon ist auch Patricia Kopatchinskaja überzeugt. Die in Bern wohnhafte Geigerin, Grammy-Gewinnerin und – ab September – neue künstlerische Leiterin der Camerata Bern ist überzeugt, dass klassische Musik verlernt hat, zu kommunizieren, weil Orchester und Musiker vorab daran arbeiten, dass die gespielten Werke so klingen wie immer.

Hier ist es anders. «Krieg & Chips», das jüngste Programm, das Kopatchinskaja mit der Camerata Bern und Schauspieler Jonathan Loosli im Kursaal präsentiert (siehe «Berner Woche» vom 1. Februar), ist kein Wachskabinett für tote Komponisten. Die Auseinandersetzung mit dem Tod und Toten findet hier lebendig statt.

Der Chipsfresser regiert

Auf einem Bildschirm über der Bühne laufen blau kolorierte Schwarzweissbilder. Zerbombte Städte, menschenleere Strassen, Kriegswunden. Das Kameraauge gleitet aus sicherer Distanz darüber hinweg, gesprochen wird nicht. Die Tonspur sagt dennoch alles. Man hört einen Rhythmus, als ob ein Regiment in schweren Stiefeln über Kies marschiert. Und dann: ein harter Bildschnitt, der Blick in die Tiefe eines silbernen Glitzerns. Die Stadt hat sich in die Innenseite einer Chipstüte verwandelt. Nahtlos geht das Knistern der Schuhe ins rhythmische Knuspern eines Dauerkauers über. Jonathan Loosli, als Couch Potato und Chipsfresser vom Dienst, steuert vom Sofa aus die Bilder.

Und bläst auch mal sich selber auf Leinwandgrösse auf. Aber diese Videoselfies zu lesen, gelingt ihm nicht. Er hockt geistig tot zwischen Zeitungen, Smartphone («Dein Anruf kommt grad ungünstig»), Bierdosen und einer Stehlampe, die ihm zwar Licht gibt, aber keine Erleuchtung. Mit subtiler Wucht werden Grenzen aufgebrochen an diesem Abend. Und die Subtilität der Bilder hallt im Echoraum der Musik wider. So geht Integration, dass Klassik wie an diesem Abend selbst den bittersüssen Abstecher mit dem Guggerzytli-Lied in die urschweizerische Volksmusik verträgt.

Die Musikerinnen und Musiker der Camerata Bern bringen alles mit, was es für eine Sternstunde braucht. Das Können, die Offenheit und den Mut zum Risiko, sich auf Kopatchinskajas Experimentierfreude einzulassen. So wenig, wie es für sie genügt, an diesem Abend einfach schön zu spielen, ist es für das Publikum genug, sich zurückzulehnen. Was Kopatchinskaja zum Programm zusammengestellt hat, ist selber eine Komposition. Nur Arthur Honeggers 1942 geschaffene Symphonie, in der die düstere Verzweiflung über die Nazi-Bedrohung mit einem hoffnungsvollen Trompetenchoral (Solo: Fruzsina Hara) weggetröstet wird, und Mozarts A-Dur-Violinkonzert erklingen am Stück. Die anderen Werke werden zerstückelt und die Sätze ineinander verwoben. Doch es passt alles in dem neunzigminütigen Parcours durch dreihundert Jahre Musikgeschichte.

In Heinrich Franz Bibers barocker «Battalia à 10» (mit einem experimentell-modern anmutenden zweiten Satz) wird mit den Instrumenten gestritten. In John Cages 1940 entstandener «Living Room Music» dagegen passiert die Auseinandersetzung mit Wortfetzenschleudern, Geräuschpfeifen und Konsonantenpicken. Rhythmisch souverän schlägt sich die Camerata Bern durch dieses perkussive Œuvre. Man könnte meinen, die Musiker hätten nie etwas anderes gemacht. Und in George Crumbs «Black Angels» zirpt das Ensemble irisierende Glasharfenklänge aus Wassergläsern, während Kopatchinskaja mit überirdischen Flageoletts den Kriegsplaneten Mars (so der Titel des Presto) vom Firmament holt.

Er greift sich einen Besen

Sie wolle mit Musik kommunizieren und Menschen verändern, sagt Kopatchinskaja. Hier ist das gelungen. Das Klassikpublikum im voll besetzten Kursaal reagiert berührt und begeistert. Selbst der Wunsch nach Veränderungen greift. Jeder kann sie sehen: Loosli, die Couch Potato, steht auf vom Sofa, packt einen Besen. Und räumt auf.

Der Bund

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