Seine Opernfiguren sind auch nur Menschen

Nach schwerer Krankheit ist der Sänger Johannes Martin Kränzle zurück auf der Bühne. Bald auch im Zürcher Opernhaus: Dort probt er derzeit für Donizettis «Don Pasquale».

Johannes Martin Kränzle probt für Donizettis «Don Pasquale». Foto: Andrin Fretz

Johannes Martin Kränzle probt für Donizettis «Don Pasquale». Foto: Andrin Fretz

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Das nennt man psychologische Flexibilität: Eben erst hat Johannes Martin Kränzle für den Monolog eines Mörders in Janáceks Oper «Aus einem Totenhaus» den Theaterpreis Faust erhalten – und nun probt er einen kuriosen alten Gockel, der übers Ohr gehauen wird. Wird man da nicht schizophren?

Kränzle grinst und schüttelt den Kopf. Eigentlich, sagt er, spiele es für ihn keine Rolle, ob er eine tragische oder komische Figur darstelle: «Komik entsteht immer irgendwie aus einer Ernsthaftigkeit; einfach Gags zu platzieren, fände ich nicht so interessant.» Umgekehrt ist auch das Ernste bei ihm nicht nur ernst, «es soll schon ein bisschen schillern».

«Die Pfleger kamen gern zu mir ins Isolationszimmer, weil es da nicht ganz so traurig war.»Johannes Martin Kränzle

Kränzle sagt das als Sänger, aber nicht nur. Dass Humor helfen kann, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt, hat er in den vergangenen Jahren vor allem abseits der Bühne erlebt. 2015 wurde bei ihm die aggressive Knochenmarkskrankheit MDS diagnostiziert; eine Stammzellentransplantation war nötig, «und ich habe bemerkt, dass die Pfleger jeweils gern zu mir ins Isolationszimmer kamen, weil es da nicht ganz so traurig war».

Über ein Jahr lang war das Singen kein Thema für ihn, «es ging nur ums Überleben». Dass er nun tatsächlich zurück ist, dass die Stimme trotz all der Medikamente wieder funktioniert und er die Strapazen von Auftritten durchsteht, sieht er als Wunder: «Damit hat niemand gerechnet.» Entsprechend intensiv erlebte er die Rückkehr auf die Bühne. Als er kurz nach dem Neustart in Paris seinen ersten Wozzeck singen und damit jenes lang ersehnte Rollendebüt nachholen konnte, das er wegen der Krankheit verpasst hatte, «da habe ich nach der Aufführung nur noch geheult in der Garderobe».

Lange Liste mit Wunschpartien

Mittlerweile ist er wieder voll im Geschäft. Vielleicht ein bisschen weniger sportlich als früher, «rennen und dann gleich singen ist schwieriger geworden»; aber mit jeder Menge Plänen im Kopf. Auf seiner Website hat Kränzle eine Wunschliste aufgeschaltet mit Rollen, die er immer schon mal singen wollte, oder die er gern ein weiteres Mal angeboten bekäme. Hits und Raritäten finden sich darauf, das stilistische Spektrum reicht von Rossini über Schönberg bis zu Cole Porters Musical «Kiss Me, Kate». Zuoberst steht allerdings, nicht nur aus alphabetischen Gründen, nach wie vor Alban Bergs «Wozzeck»: «Das ist wirklich die Partie, die ich mir am allermeisten noch einmal wünschen würde.»

Nicht notiert hat er dagegen den Beckmesser in Wagners «Meistersingern», der zu seiner Paraderolle geworden ist: «Den singe ich derzeit jeden Sommer in Bayreuth, mehr brauche ich ihn nicht.» Er wolle sich nicht «auf eine Rolle verkürzen lassen», sagt Kränzle, obwohl ihm diese Rolle tatsächlich liegt – so sehr, dass er dafür 2018 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift «Opernwelt» bereits zum zweiten Mal den Titel «Sänger des Jahres» erhalten hat.

In den ersten fünf Minuten dieser Bayreuther Aufnahme singt Johannes Martin Kränzle das Lied des Beckmesser – und wird dabei ständig gestört von Hans Sachs (Michael Volle). Video: Youtube

Zu Recht. Keiner hält den Beckmesser derzeit so geschickt auf dem Grat zwischen Kunst und Karikatur wie er, keiner zeigt ihn so menschlich in seiner Lächerlichkeit. Er wolle diese Figur halt nicht vorführen, sondern so zeigen, dass man sich in ihr wiedererkenne, sagt Kränzle: «Dass einer überheblich ist und dann auf die Nase fällt, oder dass einer bei einer Prüfung versagt, verletzlich ist, ausgegrenzt wird – das kann jedem passieren.»

Vielleicht ist dies der Schlüssel zur Kunst dieses mittlerweile 57-jährigen Sängers: Dass er seine Figuren als Menschen sieht, nicht als Schablonen. Auch nicht als Vehikel für die eigene Vokalshow. Und erst recht nicht als Bestandteile irgendwelcher Konzepte: Inszenierung, in denen die Darsteller fast verschwinden hinter den vielen Videos, interessieren ihn «nicht so sehr».

Als überaus beweglicher Bariton ist Kränzle prädestiniert dafür, den Don Pasquale von der Karikatur des grummelnden Alten wegzurücken.

Es geht ihm ums Miteinander auf der Bühne, das auch gern jedes Mal wieder etwas anders sein darf. Um die Sprache auch, die eine Figur spricht respektive singt – und der er sich sorgfältig nähert, wenn es eine Fremdsprache ist: Nie würde er in einer französischen Partie in Paris debütieren, «da hätte ich Manschetten».

Russisches probiert er deshalb in Deutschland aus, Französisches in Italien. Und nun probt er eben in Zürich erstmals den Don Pasquale in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper. Auch er stand nicht auf Kränzles Wunschliste, das Angebot kam überraschend: «Meistens holt man für diese Rolle Sänger mit einer dicken, schweren Bassbuffostimme.» Kränzle ist dagegen ein überaus beweglicher Bariton – und damit prädestiniert dafür, auch diesen Antihelden ein bisschen von der Karikatur des grummelnden Alten wegzurücken.

Er spricht denn auch von der Einsamkeit dieses Don Pasquale, von seiner Gutgläubigkeit, von seiner Sehnsucht, sich noch einmal zu verlieben. Dass so einer dann ausgenutzt wird, gnadenlos, «das gibts ja nicht nur in der Oper». Entsprechend vielschichtig will er diese Figur darstellen.

Lustig sein soll es allerdings trotzdem, natürlich: «Es wäre ja sonst schade um das Stück.»

Premiere von Donizettis «Don Pasquale» am Zürcher Opernhaus: Sonntag, 8. Dezember, 19 Uhr.

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