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Schelm trifft Übermensch

Zur Eröffnung des Lucerne Festival dirigierte Riccardo Chailly gestern drei Werke von Richard Strauss. Und schlug damit neue Wege ein.

Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra gestern im Luzerner KKL.
Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra gestern im Luzerner KKL.
Priska Ketterer

«Spielt leichter», hatte Claudio Abbado seinem Lucerne Festival Orchestra jeweils signalisiert. «Spielt kräftiger, brillanter, lauter», war dagegen die Botschaft seines Nachfolgers Riccardo Chailly an die Musikerinnen und Musiker. Und ja, sie ist angekommen: Zwar gab es in den drei Tondichtungen von Richard Strauss, die gestern im Eröffnungskonzert des Festivals zu hören waren, durchaus Momente der Stille und der kammermusikalischen Intimität. Aber sie wirkten vor allem als Kontrastprogramm zu den Entladungen, die alle Beteiligten hörbar genossen.

Die Umformung des Lucerne Festival Orchestra hat also begonnen: musikalisch, personell (durch den Einbezug etlicher Musiker aus Chaillys Orchestra della Scala) und auch in Sachen Repertoire. Bei seinem ersten Einsatz im letzten Sommer hatte Chailly als Hommage an seinen Vorgänger noch Mahlers Sinfonie Nr. 8 dirigiert und damit Abbados Mahler-Zyklus vervollständigt (digital allerdings lässt man die Lücke respektvoll offen: Die Aufnahme des letztjährigen Eröffnungskonzerts ist kürzlich nicht auf CD, sondern auf einer für ein sinfonisches Werk nicht wirklich zwingenden DVD erschienen). Dieses Jahr nun hat der Italiener durchwegs Repertoire angesetzt, das neu ist für das Orchester. Nach dem Strauss-Programm, das heute Abend wiederholt wird, gibt es nächste Woche in zwei weiteren Konzerten Werke von Mendelssohn, Tschaikowsky, Strawinsky.

Da passt es bestens, dass Intendant Michael Haefliger für diesen Sommer das Thema «Identität» ausgewählt hat. Manche werden den stilistischen Schwenk des Festivalorchesters bedauern; aber er ist unvermeidlich, wenn das LFO sich weiterentwickeln und nicht einfach zur Abbado-Gedenkformation werden soll. Dass der neue Klang (zumindest vom akustisch nicht unproblematischen Balkon aus gehört) gelegentlich ins Lärmige tendierte, mag man zwar bemängeln; aber dass die Konstellation ein gutes Potenzial hat, die Identität des Festivals weiterhin zu prägen, wurde rasch klar. Überaus plastisch gestaltete man jedenfalls die Charaktere, von denen Strauss’ Werke erzählen. Nietzsches Übermensch in «Also sprach Zarathustra», der Künstler in «Tod und Verklärung» und der Schelm in «Till Eulenspiegel» wurden in je eigenen Klangwelten präsentiert: als schillernde, aber klar konturierte Identitäten.

Narzissmus und Selbstaufgabe

Um das Festivalthema war es zuvor auch in den Reden gegangen. Bundesrat Alain Berset hatte ganz im Sinne von Chailly, aber auf die Schweiz bezogen ausgeführt, dass die Identität nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft zu suchen sei; damit hat er zwar nicht explizit, aber elegant und humorvoll auf die Bedeutung der anstehenden Rentenreform verwiesen. Auch der Publizist Iso Camartin sprach in prägnanten Formulierungen über Aktualitäten, ohne Namen zu nennen: Um Narzissmus und Selbstaufgabe, um Demenz und Flüchtlinge ging es in seiner Rede.

Den knappsten und aufschlussreichsten Beitrag zum Thema lieferten aber die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellist Jay Campbell. Die beiden sind dieses Jahr als «Artistes étoiles» am Lucerne Festival eingeladen – und verwandelten den als musikalischen Appetizer für die Eröffnungsfeier gedachten Satz aus Zoltán Kodálys op. 7 in ein Denkstück, das man nicht so rasch vergessen wird. Wie Campbell da den schönen Ton suchte, wie Kopatchinskaja ihn dabei mit immer neuen Einfällen störte, kitzelte, aufschreckte: Das erzählte mehr über unterschiedliche Identitäten als alle Worte.

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