Plastisch, beherzt, «à point»

Steigerung bis zum letzten Ton: Die Camerata Bern gab im Theater National einen Vorgeschmack auf ihre neue Tschaikowski-CD.

Die Camerata Bern und ihre Solistin, die Geigerin Antje Weithaas.

Die Camerata Bern und ihre Solistin, die Geigerin Antje Weithaas. Bild: Marianne Mühlemann

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Nach der Pause ist er da. Der seltene Moment, den man sich als Konzertbesucher immer herbeisehnt. Wenn plötzlich alles stimmt und das musikalische Spiel eine vibrierende Intensität erreicht und sich die technische Perfektion und der künstlerische Ausdruck nicht nur ergänzen, sondern potenzieren. Und Bewunderung in Berührung umschlägt. Die Camerata Bern schafft dieses Wunder.

Sie steht an diesem Abend erstmals auf der Bühne des Theaters National (wegen des Umbaus des Kultur-Casinos). Zum Kern der vierzehn Streicherinnen und Streicher sind Bläser, Harfe und Perkussion gestossen. Diese Zuzüger machen aus dem Ensemble einen über 30-köpfigen Klangapparat, der, wie es in dem famosen Steh-Orchester Brauch ist, auch hier ohne Dirigent auftritt.

In Maurice Ravels Suite «Le Tombeau de Couperin» ist das nicht ideal. Die Transparenz der Klangfarben müsste schärfer sein. Einige Abstriche sind wohl der Guckkastenbühne geschuldet. Im National ist sie mit einem Vorhang ausstaffiert. Für die delikaten Ravel-Klänge ist das akustisch nicht optimal.

Doch in Prokofjews klassischer Sinfonie wird alles anders. Da sprüht die Camerata Bern vor präziser Spiellust, die Bläser wachsen über sich hinaus, und die räumlichen Bedingungen fallen kaum mehr ins Gewicht. Was für ein betörendes Vexierspiel: Wie Sternschnuppen lassen die Instrumentalisten die Zitate aus der Musikgeschichte purzeln, mit denen Prokofjew in der Partitur so vortrefflich – und mit einem Augenzwinkern – jongliert. Die Camerata gibt die Zügel in dem wahnwitzig-grotesken Galopp nie aus der Hand. Sie lassen lustvoll Akkorde entgleiten, inszenieren subtile Temposchwankungen und Übergänge oder schrecken mit launigen Kontrasten auf. So soll das sein, mit Würze und Pfiff. Kann man das noch steigern?

Und wie. Als Herzstück des Abends gibt die Camerata Bern einen Vorgeschmack auf ihre neue Tschaikowski-CD. Sie wird in diesen Tagen in Bern eingespielt. Das Werk ist «à point» gearbeitet. Geigerin Antje Weithaas spielt ihr Instrument mit atemraubender Sicherheit. So, als wärs eine Verlängerung ihres Körpers, der in ihrem Spiel wie ein Echoraum wirkt.

Zusammen mit Konzertmeisterin Meesun Hong Coleman führt Weithaas durch das mit virtuosen Kadenzen gespickte Werk und findet in der poetischen «Canzonetta» (die sie mit Dämpfer spielt) zu irisierenden, vibratoarmen Sehnsuchtsklängen. Ein dynamisches Fest bis zum letzten Ton. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2017, 07:10 Uhr

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