Paavo Järvi setzt Beethoven unter Strom

Der künftige Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters lässt es schon vor seinem Amtsantritt krachen. Lustvoll und waghalsig führt er derzeit durch Konzerte in Zürich.

Noch nicht im Amt, aber bereits jetzt prägend und präsent: Der Este Paavo Järvi, neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters.

Noch nicht im Amt, aber bereits jetzt prägend und präsent: Der Este Paavo Järvi, neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters.

(Bild: Keystone)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Eine Frechheit, dieser Beethoven! Und zwar eine hinreissende Frechheit, anregend in jedem Takt und lustvoll präsentiert von einem hellwachen Tonhalle-Orchester und seinem künftigen Chefdirigenten Paavo Järvi. Wie Järvi da verschwörerisch ins Parkett der Tonhalle Maag blinzelte, während er die Geigen höchst theatralisch den Einstieg ins Finale ersten Sinfonie suchen liess; wie er die klanglichen Finten genoss und die Musiker und sich selbst anstachelte zu immer neuen Waghalsigkeiten – das zeigte vor allem eines: Hier hat einer Freude an seinem Job. Ansteckende Freude.

Noch dauert es ja ein paar Monate, bis Järvi sein Zürcher Amt antritt. Aber präsent und prägend ist der 56-jährige Este schon jetzt: Die Asientournee mit dem Tonhalle-Orchester hat einiges bewirkt, er kennt die Qualitäten. Was sein Vor-Vorgänger David Zinman gerade bei Beethoven erarbeitet hat, die Leichtigkeit, das Tempo – das nimmt er auf und treibt es weiter mit einer Dynamik, die man hier schon eine ganze Weile nicht mehr gehört hat.

2013 hat Paavo Järvi Beethovens 1. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt. Quelle: Youtube

Und längst schmiedet er eigene Pläne: Im Keller der Tonhalle Maag wurde ein eisig kaltes, aber technisch hochkarätiges Tonstudio eingerichtet – für die erste gemeinsame CD, die pünktlich zu seinem Amtsantritt im September bei Alpha erscheinen soll. Werke von Olivier Messiaen werden es sein, zwei davon gab es vor der Beethoven-Sinfonie: «Les Offrandes oubliées» und «Le Tombeau resplendissant», beide von 1931, als der Komponist erst 23 Jahre alt war.

Vieles in diesen Frühwerken klingt noch nach anderen, nach Strawinksy vor allem; auch weil Pärvi, einst selber Schlagzeuger, ein Flair hat für perkussive Trips. Aber auch Messiaens eigener Ton ist schon da, in den blockweise kontrastierenden Atmosphären, im flirrenden Pianissimo, in der spirituellen Botschaft. Järvi und die Tonhalle-Musiker setzten das alles kompromisslos klangsinnlich um: So deftig und laut in «Les Offrandes oubliées» gesündigt wurde, so leicht entschwebte der Klang zuletzt gen oben.

Gen oben verabschiedete sich auch Mozarts 5. Violinkonzert – allerdings nicht in den Himmel, sondern als Pointe. Die Geigerin Janine Jansen setzte sie, in schönstem Einverständnis mit Järvi; denn nach zwei Sätzen, die sie mit gläserner Eleganz gespielt hatte, kam auch sie in Fahrt. Und bot, was sie zu bieten hat: grosses Theater auf vier Saiten.

Wiederholung heute Freitag, 19.30 Uhr

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