«Messa da Requiem»: Unerhörter Verdi

Traurig und markerschütternd: Das «Requiem» des Singkreises Wohlen und des Projektchores SMW Frick riss im Kulturcasino das Publikum trotzdem mit.

Souveräne Palette: Opernkomponist Giuseppe Verdi.

Souveräne Palette: Opernkomponist Giuseppe Verdi.

(Bild: zvg)

Verglichen mit Axl Roses Einspringen als Sänger von AC/DC erfuhr die Zusammenarbeit des Singkreises Wohlen mit dem Projektchor SMW Frick im Vorfeld eher spärliche mediale Beachtung. Beide Konzerte fanden am Sonntag, 29. Mai in Bern statt – und nicht nur AC/DC vermochten den heftig prasselnden Regen mühelos zu übertönen, denn die zwei Chöre und ihr Dirigent Dieter Wagner sparten weder an Personal noch an Klangvolumen.

Beides ist für eine angemessene Wiedergabe von Giuseppe Verdis «Messa da Requiem» unabdingbar. So findet sich in dem Werk jene überaus reichhaltige dramatische Palette wieder, über die der Opernkomponist so souverän verfügte. Und genau da liegt das Unerhörte: Immer wieder glaubt man, Verdi durchschaut zu haben, zu wissen, welch bombastische Steigerung gleich folgt, den theatralischen Pathos auswendig zu kennen – bloss, um am Ende trotzdem überwältigt dazusitzen.

Überzeugend trotz Problemen

Dabei beginnt die Totenmesse sehr, sehr leise, mit einer subtilen Streichergrundierung, über die der Chor erste zaghafte «Requiem»-Rufe wirft. Die für den Orchesterpart verantwortlichen Lviv Virtuosy sorgen mit ihrem ­abgerundeten Pianissimo gleichermassen für einen beeindruckenden Einstieg wie die Singenden während des sich nahtlos anschliessenden A-cappella-Abschnitts, der in Form einer komplex gewobenen Steigerung die tosende Eruption vorwegnimmt, als die sich alsbald das markerschütternde «Dies irae» gebärdet.

Hier allerdings wird ein Grundproblem des gesamten Projekts offenbar: Sobald die ukrainischen Virtuosen ihre sprichwörtlichen Pauken und Trompeten erschallen lassen – was nicht selten vorkommt – bleibt vom Gesang ausser wenigen Höhen nichts übrig. Da hätte Wagner das Blechregister unbedingt im Zaum halten müssen – zumal die Chormitglieder nicht bloss beherzt zur Sache gehen, sondern vor allem musikalisch überzeugend, wie an anderer Stelle glücklicherweise zu hören ist. Ihnen zur Seite steht ein Soloquartett, das zwar vereinzelte Unannehmlichkeiten generiert, wenn sich der Tenor José Pazos oder Bénédicte Taurans Sopran ins allzu Opernhafte versteigen, sich ansonsten jedoch als feinsinniger Klangkörper erweist, dessen Mitwirken erheblich zum insgesamt gelungenen Konzert beiträgt.

Wundersamer Höhepunkt

Allen voran Judith Lüpold gestaltet ihre Soli mit der perfekten Mischung aus Drama und Zurückhaltung, wobei ihr warmer, dunkel timbrierter Alt die düsteren Worte des «Liber scriptus» eindringlich beklagt und zugleich transzendiert. Auf ebenso berührende Weise ­entzündet sie später die «Lux aeterna», begleitet von gleissenden Violinen und gemeinsam mit Michael Kreis, dessen wohltönender Bass besonders in höheren Lagen an Charakter gewinnt. Nicht weniger einnehmend das luzide Duett zwischen Lüpold und Tauran über «­Recordare», die angsterfüllte Bitte um Vergebung angesichts des drohenden Nichts.

Und schliesslich das Gebet «­Lacrimosa», wo sich sämtliche Beteiligten zum wundersamen Höhepunkt des Abends emporheben: Der Chor lotet die vielschichtigen Emotionen mit einem breiten Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten und dynamischen Levels aus, das Orchester sekundiert so dezent wie nachdrücklich, und von Pazos’ nunmehr zart schmelzendem Tenor zu ­Taurans enorm nuancenreichen Klangmodulationen sitzt jede einzelne Note. Ein unendlich trauriger Moment, und zugleich mitreissend – das funktioniert bei AC/DC kaum besser als bei Verdi.

Der Bund

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