Mehr als Tschingdarassabum

Das Berner Kammerorchester holt eine Rarität ans Licht: Die türkischen Lieder des vergessenen Komponisten Walter Furrer. Bloss: Was heisst hier denn türkisch?

Ein Tonschöpfer, dessen Werk es noch zu entdecken gilt: Walter Furrer vor dem Radiostudio Bern, wo er zehn Jahre als Komponist und Chorleiter tätig war.

Ein Tonschöpfer, dessen Werk es noch zu entdecken gilt: Walter Furrer vor dem Radiostudio Bern, wo er zehn Jahre als Komponist und Chorleiter tätig war. Bild: zvg

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Noten sagen viel über ein Musikstück, aber nicht alles. Deshalb ergänzen Komponisten ihre Partituren gerne mit Vortragsbezeichnungen. Dann weiss der Interpret, wie er die Noten vermitteln soll. Jedenfalls ein wenig. Denn die Möglichkeiten bleiben vielfältig. Die verbalen Bezeichnungen können sich nämlich auf Tempo (z. B. andante), Lautstärke (pianissimo), Artikulation (legato) oder besondere Spieltechniken (wie glissando oder mit Pedal) beziehen. Oder Hinweise auf den Charakter eines Stückes geben.

Seit dem 19. Jahrhundert sind die Komponisten erfinderisch und wählen auch assoziative, freie Begriffe, um einen Interpreten zu inspirieren. Einfacher wird die Interpretation dadurch aber nicht. Im Gegenteil.

Einige Spielanweisungen – zum Beispiel bei Erik Satie –, sind so umfangreich, dass sie als eigenständige literarische Werke gelesen werden können und die Musik, die sie beschreiben, darob vergessen geht. Oft findet man die Spielanweisung «alla irgendetwas». Die Abkürzung meint «alla maniera di». Zum Beispiel «alla turca», türkisch also. Bloss, was meint der Komponist mit türkisch spielen? Wie macht man das?

Wie spielt man «alla turca»?

Mozart fordert im letzten Satz seiner Klaviersonate Nr. 11 «alla turca» und bezieht sich auf eine stilisierte Form türkischer Janitscharen-Märsche. Da hört man in den Tasten das lebhafte Tschingdarassabum. In der Orchestermusik werden zur Unterstreichung des Türkischen gerne auch Cinellen, Triangel und Trommeln (Gran cassa) eingesetzt.

Türkisch war im 18. Jahrhundert chic. Auch andere abendländische Komponisten wie Gluck, Hasse und Süssmayr sind dem Charme der Türkenmode erlegen und haben Orientalismen in ihre Werke eingeschleust. Dabei geht es aber weniger um die echte Musik der Osmanen, sondern vielmehr um die Sehnsucht der Europäer nach der Exotik fremder Klänge.

Dass heute auch die Globalisierung beim kulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident Spuren zeigt, sieht man in den aktuellsten «Alla turca»-Musiken. So weiss zum Beispiel der türkische Pianist und Tonschöpfer Fazil Say in seinen Kompositionen Elemente der traditionellen Musik seines Landes mit der Tonsprache der abendländischen Kunstmusik und des Jazz zu verschmelzen. Der Notenmix aus mitreissenden Volksmusikrhythmen und nachdenklich-dunkler Trauer darf man gerne politisch lesen.

Say, der sich immer wieder öffentlich gegen die autoritäre Politik Recep Erdogans geäussert hat, reflektiert die Musikgeschichte Istanbuls und spiegelt sie in der europäischen Gattung der Sinfonie. Wo seine Noten nicht mehr tanzen, tragen sie die Last der Trauer um eine verloren gegangene Welt.

Ein Berner – die Entdeckung

Abseits aller türkischen Klischees hat sich auch Walter Furrer (1902–1978) mit «Alla turca»-Musik auseinandergesetzt. Der Berner Komponist und Dirigent, der ein Vierteljahrhundert am Stadttheater Bern als Chorleiter und ab 1957 zehn Jahre beim Radiostudio Bern als Kapellmeister und Leiter des von ihm gegründeten Kammerchors tätig war, schrieb im Auftrag des Senders zahlreiche Liederzyklen.

Die Texte zu den «Türkischen Liedern» sollen Furrer von der Orientalistin Annemarie Schimmel in den 1970er-Jahren überlassen worden sein. Eine echte Rarität. Viel weiss man nicht dazu. Nur das, sie stammen aus dem Sammelband «Aus dem Goldenen Becher».

Geschrieben haben die Lyrik vier türkische Dichter in einer Zeit, als die Türkei politisch auf dem Weg in die Moderne war. Wie sich dieser Hintergrund wohl auf die Vertonungen auswirkt? Man wird es hören, wenn das Berner Kammerorchester in seinem Konzert zum Saisonschluss einen Bogen vom Orient in den Okzident schlägt. Bei der grossartigen Mezzosopranistin Claude Eichenberger werden die «Alla turca»-Lieder bestens aufgehoben sein. Weil die Sängerin die Kunst versteht, aus blossen Noten Töne zu formen, die sprechen.

Konservatorium Bern, So, 21. Mai, 17 Uhr. Werke von Fazil Say, Frank Martin und Walter Furrer. Philippe Bach dirigiert das Berner Kammerorchester. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 06:56 Uhr

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