Liefern, was Spotify nicht liefern kann

Die Klassik war bisher ein Stiefkind der Streamingdienste. Idagio will das ändern.

Die Sopranistin Barbara Hannigan findet sich bereits im Idagio-Katalog, ihre Kollegin Anna Netrebko fehlt noch.

Die Sopranistin Barbara Hannigan findet sich bereits im Idagio-Katalog, ihre Kollegin Anna Netrebko fehlt noch.

(Bild: Keystone)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Er sei ja selbst lange in der analogen «Steinzeit» unterwegs gewesen, als Musikmanager und Konzertveranstalter: Das sagt Till Janczukowicz, 50 Jahre alt und Gründer des Berliner Klassik-Streamingdienstes Idagio. Seit zwei Jahren gibt es diese Plattform, die im Namen das gemächliche «Adagio» mit dem gegenwärtig-technologischen «I» verschmilzt.

Noch erfüllt sie längst nicht alles, was sich Janczukowicz und seine mittlerweile gut dreissig musikwissenschaftlichen und informatikspezialisierten Mitarbeiter wünschen würden. Aber das Tempo, mit der man sich einem Zwischenziel nach dem anderen nähert, ist so hoch, wie es sich in der digitalen Welt gehört.

Rund 5000 Titel werden derzeit wöchentlich neu aufgeschaltet, bis Ende Jahr will man die Backkataloge der grossen Labels verarbeitet haben – was umso beachtlicher ist, als die Katalogisierung klassischer Aufnahmen eine Herkulesarbeit ist. Während im Pop mit den Kategorien Künstler, Album, Songtitel drei Elemente für die Identifikation genügen, sind bei klassischen Werken mehr Angaben gefragt. Komponisten, Orchester, Dirigenten, Solosängerinnen: Sie alle wollen vermerkt und per Suchfunktion auch unkompliziert wieder aufgespürt werden können. Werden auf einer CD Werke von verschiedenen Komponisten kombiniert, wirds noch komplizierter.

Das war letztlich der Grund für die Lancierung von Idagio: Die Einsicht, dass bisherige Streamingplattformen wie Spotify sich fürs klassische Repertoire nur bedingt eignen. Zwar findet sich auch dort irgendwie (fast) alles; aber es braucht Tricks und auch ein bisschen Glück, um wirklich exakt die Aufnahme aufzuspüren, die man sucht.

Das digitale Publikum wächst heran

Im Moment findet man sie vielleicht auch bei Idagio noch nicht; Suchanfragen nach «Netrebko» oder «Bartoli» etwa geben derzeit noch keine Resultate. Aber bald, da ist Till Janczukowicz zuversichtlich; und dann werde man auch beginnen, vom Buschtelefon auf offensive Werbung umzuschalten. 30’000 zahlende Kunden will er bis Ende 2018 gewonnen haben. Das Zielpublikum: «Junge Leute, die bereits jetzt streamen und zu mindestens 80 Prozent Klassik hören.»

All jene, die nach wie vor glücklich sind mit den CDs, hat er (noch) nicht im Visier. Und dass man in der klassischen Nische nie an die 60 Millionen zahlenden Nutzer von Spotify herankommen wird, ist sowieso klar: «Die Klassik macht im Musikmarkt rund 5 Prozent aus, das ist über die Jahre hinweg ein relativ fester Wert.» Steigern lassen wird sich der auch mit der idealsten aller Streamingdienste nicht.

Dennoch ist Janczukowicz überzeugt, dass Idagio einem Bedürfnis entspricht. Zwar sei das Durchschnittsalter der klassischen Konzertgänger um die sechzig, «aber das ist schon seit vierzig Jahren so.» Will heissen: Irgendwann wachsen auch die Digital Natives zu Klassikhörern heran – wenn man ihnen die Musik auf ihren Kanälen zur Verfügung stellt.

Musik für jede Gefühlslage

Wie sehr sich Idagio um direkte Zugänglichkeit bemüht, zeigt zum Beispiel die Sektion, die Musik je nach Gefühlslage zur Verfügung stellt: Melancholisch, festlich, wütend – ein Klick, und man bekommt einen passenden Soundtrack, selbst wenn man keine Ahnung hat von Musikgeschichte.

Auch im analogen Musikleben sucht man Anknüpfungspunkte, derzeit etwa beim Lucerne Festival. In Playlists stellt man Aufnahmen der Künstler und Werke zusammen, die derzeit im KKL zu hören sind. Bereits im nächsten Jahr sollen dort auch Konzerte gestreamt werden.

Noch ist man ganz am Anfang dieser Entwicklung, und Idagio wird sie nicht lenken können: «Wie sich die digitale Musikwelt entwickelt, das entscheiden die Grossen – Amazon, Apple, Spotify,» sagt Janczukowicz. Aber man will sich «dranhängen» und mitgestalten, rechtzeitig und mit viel Aufwand. Um zu verhindern, dass die Klassik abgehängt wird.

www.idagio.com

DerBund.ch/Newsnet

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