Klassiker der Woche: Überleben mit Chopin

Alice Herz-Sommer war 110, als sie starb. Bekannt wurde sie als älteste Holocaust-Überlebende. Und als älteste Pianistin.

108 Jahre alt war Alice Herz-Sommer bei dieser Aufnahme. (Youtube/Amos Ritter)

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Sie habe ein gutes Leben gehabt, hat Alice Herz-Sommer einmal in einem Interview gesagt. Damals war sie schon weit über hundert Jahre alt, hatte das KZ Theresienstadt und den Verlust ihrer Eltern und ihres Mannes überlebt; auch ihr Sohn, mit dem sie damals das Lager überstanden hatte, war bereits tot. Aber die Musik, die konnte ihr niemand nehmen.

Sie hatte sie schon als Kind begleitet. Geboren 1903 in Prag, spielte Alice Herz Kammermusik mit ihren vier Geschwistern; «Musik war unsere Sprache», hat sie einmal gesagt. Ihre Eltern führten ein offenes Haus, Sigmund Freud gehörte zu den Besuchern, auch Franz Werfel – und vor allem Franz Kafka, der mit den Herz-Kindern jeweils ins Schwimmbad ging.

Zwischen den Weltkriegen etablierte sich Alice Herz als Pianistin in der damaligen Tschechoslowakei, sie trat in Konzertsälen und im Radio auf. Aber die Musik war weit mehr als ein Beruf für sie. Sie war ein Mittel zum Widerstand – in den Hauskonzerten, die sie gab, als öffentliche Auftritte für Juden nicht mehr erlaubt waren.

Sie war auch ein Heilmittel: Als 1942 ihre Mutter deportiert wurde und nicht mehr wiederkam, hat sich Alice Herz-Sommer mit Chopins Etüden aufgerappelt. Und sie hat weitergespielt, als sie selbst mit ihrer Familie ins KZ Theresienstadt kam; über hundert Konzerte hat sie gegeben in diesem Lager, mit dem die Nazis den Beobachtern beweisen wollten, wie gut es den Juden gehe. Auch ihr damals sechsjähriger Sohn Raphael trat dort auf, in Kinderopern. Ihr Mann, ein Geiger, wurde dann von Theresienstadt aus weitergeschickt; er starb in Dachau.

Die Musik war das Essen

Ohne Musik wäre sie umgekommen damals, hat Alice Herz-Sommer später gesagt. Die Leute im Lager hätten gelebt von der Musik, «die Musik war das Essen». Nach dem Krieg lebte sie erst wieder in Prag, dann wanderte sie nach Israel aus, wo sie sowohl jüdische wie auch arabische Kinder unterrichtete. Später zog sie nach London, zu ihrem Sohn, der mittlerweile Cellist geworden war (und 2001 mit 65 Jahren auf einer Israel-Tournee starb).

Alice Herz-Sommer war schon über 90, als zwei Finger «nicht mehr richtig wollten»; also lernte sie die Fingersätze um auf acht Finger. Bei der hier gezeigten Aufnahme von Chopins cis-moll-Walzer op. 64/2 war sie 108 Jahre alt: Keine Virtuosin mehr, natürlich nicht; aber nach wie vor eine Musikerin. Auch wenn sie längst nicht mehr alle Töne erwischte – die Linien, die Stimmungen, die Schönheiten dieses Stücks konnte sie nach wie vor vermitteln.

Am 23. Februar 2014 ist Alice Herz-Sommer in London gestorben, 110 Jahre alt. Sie war die älteste Holocaust-Überlebende damals. Wohl auch die älteste Pianistin. Und wie sie selber immer betont hat: ein glücklicher Mensch. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2017, 10:00 Uhr

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