Kein Orchester mehr im Tessin?

Das Orchestra della Svizzera italiana hat seinen 46 Angestellten die vorsorgliche Entlassung angekündigt.

Steht beinahe vor dem Aus: Das Orchestra della Svizzera italiana (hier am Lugano Estival Jazz).

Steht beinahe vor dem Aus: Das Orchestra della Svizzera italiana (hier am Lugano Estival Jazz).

(Bild: Keystone)

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Die Krise schwelt schon seit Jahren, nun spitzt sie sich dramatisch zu: Per Post wurden die Angestellten des Orchestra della Svizzera italiana (OSI) für eine Versammlung am 29. November eingeladen – und darüber informiert, dass sie nach dieser Versammlung alle eine vorsorgliche Kündigung per Ende 2017 erhalten werden.

Damit reagiert der Stiftungsrat des Orchesters auf die finanzielle Ungewissheit, die sich aus dem schrittweisen Rückzug der SRG aus der Verantwortung für das OSI ergibt. Bis 2012 hatte die SRG das Orchester – das 1935 als Radiosinfonieorchester gegründet worden war – mit jährlich 3,5 Millionen Franken unterstützt. Dann sank der Betrag auf 2 Millionen pro Jahr; der Kanton Tessin, die Stadt Lugano und der Freundeskreis des Orchesters füllten das Finanzloch. Aber per Ende 2017 hat die SRG auch dieses Abkommen aufgekündigt; künftig will sie nur noch einzelne Leistungen des Orchesters einkaufen. Auch die Infrastruktur soll dem OSI nicht mehr wie bisher kostenlos zur Verfügung stehen: Ab 2018 müsste es für den Probesaal im Radiostudio Lugano Besso eine Miete bezahlen.

Harzige Verhandlungen

In den letzten Monaten hat man nun einigermassen fiebrig darüber diskutiert, in welchem Rahmen die zukünftige Zusammenarbeit stattfinden soll. Aber die Verhandlungen verliefen offenbar harziger, als es sich das OSI erhofft hatte: «Für die Details eines zukünftigen Vertrages ist bis heute keine Abmachung erreicht worden», antwortete Denise Fedeli als künstlerische Leiterin des OSI vergangene Woche, als DerBund.ch/Newsnet im Zusammenhang mit der geplanten Subventionskürzung beim Luzerner Sinfonieorchester nach der finanziellen Situation der anderen Schweizer Orchester fragte.

OSI-Stiftungsratspräsident Pietro Antonini bezeichnete die vorsorglichen Kündigungen als «Vorsichtsmassnahme», da es noch keine Sicherheit über allfällige Kompensationsmöglichkeiten gebe. Noch hofft man auf eine wie auch immer geartete Einigung mit der SRG. Ausserdem will man in den kommenden Monaten bei privaten Geldgebern und bei den Gemeinden der Region Lugano um neue Beiträge werben. Das Budget des Orchesters beläuft sich derzeit auf rund 8 Millionen (wozu der Kanton Tessin die Hälfte beisteuert). Dasjenige der SRG liegt bei 1,6 Milliarden Franken, 250 Millionen davon fliessen ins Tessin. Aber auch dort ist die Tendenz sinkend: «Angesichts der finanziellen Situation muss die SRG in all ihren Tätigkeitsbereichen Kosten einsparen», verteidigte die SRG ihren Rückzug aus der festen Verantwortung für das OSI im vergangenen April.

Hochkarätige Gäste

Falls keine neuen Geldgeber gefunden werden, dürfte das Orchestra della Svizzera italiana vor dem Aus stehen. Es wäre das Ende einer eigenen sinfonischen Tradition in der südlichen Schweiz – und es käme zu einer Zeit, die künstlerisch eigentlich eine erfreuliche ist. Unter der Leitung von Denise Fedeli hat man einen Aufschwung geschafft, der musikpädagogische Bereich wurde ausgebaut. Mit dem 2015 eröffneten LAC in Lugano hat das OSI eben erst eine neue Heimat gefunden. Diesen Donnerstag wird das Orchester dort zusammen mit der Geigerin Lisa Batiashvili auftreten, nächste Woche steht ein Konzert mit dem Pianisten Evgeny Kissin an – hochkarätige Anlässe also. Und dazwischen die Versammlung, nach der die Musikerinnen und Musiker ihre vorsorgliche Kündigung erhalten werden.

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