«Iss niemals von der Requisite!»

Ist sie die neue Callas? Vor ihrer Schweizer Tournee spricht die 30-jährige Sopranistin Regula Mühlemann über ihre Liebe zum Risiko, Ehrlichkeit beim Singen.

«Wenn ich auf der Bühne nicht ehrlich wäre, hätte ich das Gefühl, das Publikum zu betrügen», sagt die junge Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann.

«Wenn ich auf der Bühne nicht ehrlich wäre, hätte ich das Gefühl, das Publikum zu betrügen», sagt die junge Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann. Bild: Henning Ross (zvg)

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«Das Gelb», sagt sie, das sei gelber herausgekommen, als sie sich das vorgestellt habe. Und die Blumen, die ihr um den Kopf schwirren, künstlicher. Regula Mühlemann spricht vom Foto zu ihrem Debütalbum, einer Mozart-CD (siehe Box). Es habe einige Zeit gebraucht, bis sie sich damit habe anfreunden können.

Sie sei halt ein Kontrollfreak. «Nun weiss ich, dass ich nicht alles unter Kontrolle haben kann.» Sie habe sich etwas Fröhliches, Authentisches gewünscht, «ein Cover, das meinem Naturell entspricht». Eine wilde Blumenwiese etwa. «Natur ist für mich ein Symbol für Echtheit und Ehrlichkeit. Diese Werte möchte ich auch beim Singen transportieren.»

Dass Mühlemann vom renommierten CD-Label Sony einen Exklusivvertrag erhalten hat, ist bezeichnend. Man glaubt an die 30-Jährige als Hoffnungsträgerin. Umso erstaunlicher, wenn die Sängerin, die als Kind Floristin werden wollte (und mit der Autorin dieses Textes nicht verwandt ist), sagt, weshalb sie mit dem professionellen Singen angefangen habe: «Es gab für mich keinen anderen Beruf, der mir mehr Spass gemacht hätte!»

Ihr Gesangsstudium an der Luzerner Hochschule für Musik hat sie mit Auszeichnung abgeschlossen. Und als sie für eine Nebenrolle in Jens Neuberts Kino-Verfilmung des «Freischütz» vorsingt, überzeugt sie den Regisseur auf Anhieb so, dass er die erst 24-Jährige für eine der Hauptrollen besetzt.

Das Beste neben der Toblerone

Nicht nur mit ihrer Stimme sorgt Mühlemann für Furore. Ihre Bühnenpräsenz und ihre unkomplizierte Art – die sich auch beim Treffen im Salü, ihrem Lieblingscafé am Luzerner Bundesplatz, zeigt – sprechen sich herum. Plötzlich wollten sie die bedeutendsten Opernhäuser haben. Mühlemann sang in Paris, Wien, Zürich, Berlin.

2012 gab sie ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen. Quasi über Nacht stand sie an der Seite jener Stars, die sie bewunderte! Unter ihnen Rolando Villazon, Juliane Banse, Thomas Hampson. Und Cecilia Bartoli: «Ich hatte grossen Respekt vor ihr», sagt Mühlemann. Und dann das: Als ihr stürmischer Liebhaber musste sie der Bartoli bei der ersten Probe gleich an die Wäsche und sie beknutschen und betatschen. «Cecilia war total nett und hilfsbereit.» Sie lerne viel von ihren erfahrenen Bühnenkollegen.

Von Zickenkrieg oder arrogantem Konkurrenzgehabe keine Spur. Auf diesem Level, analysiert sie, seien die Rollen verteilt. «Da ist man ein Team im selben Boot. Die gemeinsame Produktion ist wichtiger als das Ego des Einzelnen.» Ein Satz aus den Anfängen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben.

Als sie sich von Altmeister Hans Neuenfels nicht habe einschüchtern lassen und eine eigene Idee einbringen wollte, da habe der Regisseur gesagt, sie sei wohl das Beste, was die Schweiz zu bieten habe – neben der Toblerone. «Aus dem Mund der Regie-Ikone ist das wie ein Ritterschlag.»

Sie habe ihre Karriere nicht geplant, überlege aber gut, welche Engagements sie annehme. «Am Anfang war es nur Oper. Im Moment ist es mehr Konzert.» Ab der Saison 2017/18 möchte sie dafür sorgen, dass die Balance stimmt, weil Oper und Konzert ganz unterschiedliche Anforderungen an die Stimme stellten. «In der Oper muss es gross und laut sein. Beim Konzert kann ich den Farbenreichtum mehr ausschöpfen.»

Doch stets sei ihr Motor die Leidenschaft fürs Singen. Und nicht die Aussicht auf Erfolg. Sie ist überzeugt, dass sie diese Haltung vor Frustrationen schützt. «Die lauern überall. Man braucht ein gutes Selbstvertrauen.» Auf der andern Seite hofft sie, dass ihre Bodenständigkeit sie davor bewahrt, abzuheben. «Talent hilft, um hochzukommen. Aber um oben zu bleiben, gibts nur eines: arbeiten.»

Dass sie mit ihrer Stimme Menschen glücklich machen kann, empfindet die Tochter eines Cheminée-Bauers und einer Damenschneiderin als grosses Privileg. Bewusst geworden sei ihr das auf einer Südamerika-Tournee mit den Festival Strings Lucerne. «In der peruanischen Stadt Lima-Miraflores ist der Winter erdrückend. Zehn Monate Düsterkeit, Smog und feuchter Nebel.»

Sie habe sich vorgenommen, den Menschen ein Stück Himmel aufzureissen. «Emotionen können reinigend wirken, egal ob es sich um Lachen oder Tränen handelt. Das Publikum soll rauslassen, was es im Alltag angestaut hat.» Auch für sie selber sind echte Emotionen wichtig.

«Es geht um Glaubwürdigkeit.» Sie müsse wissen, was sie auf der Bühne tue und ob es für sie Sinn mache, um einer Figur oder dem Komponisten gerecht zu werden. «Darum geht es. Nicht um mich. Wenn ich auf der Bühne nicht ehrlich wäre, hätte ich das Gefühl, das Publikum zu betrügen.»

Eine Stimme wie dunkler Samt

Ihre Stimme wird gerne als glockenrein, silbern und leuchtend umschrieben. «Ich hätte aber immer gerne eine goldene Stimme gehabt», sagt Mühlemann. «Eine, die sich wie dunkler Samt und nicht wie helle Glocken anhört.» Typisch schweizerisch, findet sie: «Man glaubt hier, man müsse seine Aufmerksamkeit stets auf das richten, was man nicht hat.» Das sei aber falsch. «Es ist besser, die eigenen Stärken wahrzunehmen, sich darauf zu konzentrieren und sie so weit wie möglich auszubauen.»

Unlängst wurde Regula Mühlemann als «Schweizer Callas» betitelt. Solche gut gemeinten Komplimente seien ihr «unangenehm». «Ich bin doch erst am Anfang.» Sie lerne bei jedem Auftritt. Auch viel über sich selber und die eigenen Grenzen. Als Beispiel erwähnt sie die «Zauberflöte» an der Pariser Oper.

Der Regisseur hatte nicht nur die Idee, sie als Papagena rauchen zu lassen, sondern auch, sie vor dem ersten Auftritt in einen geschlossenen Sarg zu stecken. «Ich musste im Dunkeln zwanzig Minuten auf meinen Aufritt warten.»

An der Berliner Oper sei ihr aber Schlimmeres passiert. Sie sei in einer Vorstellung wahnsinnig durstig gewesen. Doch es gab kein Wasser. Deshalb habe sie auf der Hinterbühne in einen herumliegenden Apfel gebissen. «Ich hätte es besser nicht getan.» Eine allergische Reaktion sorgte dafür, dass ihr Hals so sehr anschwoll, dass sie nur noch ein Flüstern herausbrachte. Sie habe die Lehre daraus gezogen: «Iss niemals von der Requisite!» Es könne immer Unvorhergesehenes passieren. «Singen ist ein Risikoberuf. Man muss oft spontan reagieren und ständig Dinge tun, die man nicht geprobt hat.»

Mühlemann hat grosse Pläne. Doch es sind nicht die grossen Rollen, auf die sie anspielt. Sie möchte Vorurteile aufbrechen. «Das Opernpublikum soll jünger werden und sehen und hören, wie spannend Operngeschichten sind.» Mit einem Seitenblick auf ihre «goldgelbe» Mozart-CD sagt sie, dieser Komponist eigne sich dafür besonders gut. «Seine Figuren lieben und hassen sich. Sie intrigieren, zanken, schmollen. Es sind Leute von heute. Man muss sich bloss die Grafen und Zofen wegdenken.»

Auftritte im Rahmen von Migros Classics mit dem Verbier Chamber Orchestra und Joshua Bell (Leitung, Violine) im Kultur-casino Bern: So, 23. Oktober, 19.30 Uhr. – Im Dezember singt Regula Mühlemann zudem im Weihnachtsoratorium im Münster mit dem Berner Bach Chor. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2016, 09:17 Uhr

Die erste Solo-CD «Mozart Arias»

Es ist ein mutiges Programm, das sich
Regula Mühlemann für ihre erste Solo-CD vorgenommen hat. Zwar sind Mozart-Arien in der Regel kein Risiko; aber abgesehen von Blondchens «Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln» aus der «Entführung aus dem Serail» hat die Sopranistin auf Hits verzichtet. Statt dessen singt sie italienische und deutsche und durchwegs attraktive Arien aus weniger bekannten Opern, zum Teil auch Gelegenheitsstücke, die Mozart für einzelne Sängerinnen komponiert hat.

Für seine Schwägerin Josepha Hofer etwa, die sich eine Einlagearie für Paisiellos «Barbiere di Siviglia» gewünscht hatte. Aber die Produktion scheiterte, und Mozart legte die Noten von «Schon lacht der holde Frühling» weg. Welche Verschwendung!, denkt man, wenn man das von Franz Beyer später doch noch fertig orchestrierte Stück hört.

Der Dur-Teil fällt zwar abgesehen von ein paar hoch akrobatischen Koloraturen nicht weiter auf; aber der Andante-Einschub in g-Moll ist allein die Aufnahme wert. Auch weil Regula Mühlemann ihren leichten Sopran hier zum Strahlen und Glühen bringt: So klar und manchmal fast kühl sie ihre Stimme führt, so plötzlich kann sie sie aufleuchten lassen.

Auch in «Exsultate, jubilate» tut sie es – in jener geistlichen Erfolgsmotette also, die sie auch in ihrem Zürcher Konzert singen wird und in der sie durchaus opernhafte Emotionen entdeckt. Wobei sie alles vermeidet, was in Richtung Bombast oder vordergründige Dramatik geht; auch das von Umberto Benedetti Michelangeli geleitete Kammerorchester Basel bleibt zurückhaltend. Geschmack geht vor Effekt auf dieser CD.

Und in den schönsten Momenten hat dieser Geschmack nicht nur mit Können und Wissen und einem schönen Timbre zu tun, sondern auch damit, dass da eine Sängerin ihre Freiheiten zu geniessen weiss. (suk)

Regula Mühlemann: Mozart Arias (Sony)

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