«Irgendwann muss man anfangen»

Der 30-jährige Schweizer Geiger Sebastian Bohren hat noch viel vor. Aber auch schon einiges hinter sich: Soeben hat er eine Bach-CD herausgebracht.

Weiss genau, wo er hinwill: Sebastian Bohren. Foto: Marco Borggreve

Weiss genau, wo er hinwill: Sebastian Bohren. Foto: Marco Borggreve

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Eigentlich, sagt Sebastian Bohren, habe er seine Bach-Aufnahme ja gar nicht veröffentlichen wollen. Zu unzufrieden war er mit vielen Details, zu unsicher, ob das Ganze etwas taugt. Es brauchte die Ermutigung von Hansheinz Schneeberger, dem 91-jährigen Doyen des Schweizer Geigenspiels, um ihn zu überzeugen, es doch zu wagen. Nun ist die CD da und Bohren froh drum. «Wenn ich mich nicht getraut hätte, wäre ein Knoten zurückgeblieben», sagt er. Und: «Irgendwann muss man anfangen mit Bach.»

Er selber hat im Vergleich mit anderen Solisten mit vielem spät angefangen. Er war bereits acht, als er das erste Mal eine Geige in der Hand hielt. «Meine Primarlehrerin hatte sich beklagt, dass ich nicht stillsitzen könne; da ist meine Grossmutter auf diese Idee gekommen.» Keine gute Idee, fand Sebastian Bohren damals, «ich war auf Hardrock eingestellt». Aber dann zog die Familie nach Mellingen im Aargau, und sein dortiger Lehrer wurde sein grosses Vorbild. Sebastian Bohren wollte eine Taschenuhr haben wie er – und er wollte Geiger werden, unbedingt.

Studiert hat er dann in Zürich, beim illustren Zakhar Bron, «nicht als Privatschüler, sondern als regulärer Student». Zum engen Kreis der Bron-Schützlinge hat er nie gehört, er wurde öfter kritisiert als gehätschelt, «was gar nicht schlecht war». Denn er hat dabei eines gelernt: dass er sich abnabeln und seinen eigenen Weg suchen muss.

Instrument mit Geschichte

Mittlerweile ist er 30, schweizweit durchaus bekannt, auch international unterwegs; aber er hat noch sehr viel vor. Zwar kann er von seinen Auftritten leben, «gut sogar»: Rund 90 Konzerte gibt er pro Jahr, die Hälfte als Solist, die andere mit dem Stradivari-Quartett. Auf den ganz grossen Podien ist er noch nicht angekommen, aber das wird sich ändern, davon ist er überzeugt: «Wer schon etwas älter ist, kann seine Chancen besser packen.»

Nun hatte er also die Chance, Bach einzuspielen, die Sonate und die Partiten BWV 1004–1006; und wer die CD hört, kann Schneeberger nur recht geben. Nicht, dass sie ein neues Kapitel in der Bach-Interpretation einläuten würde. Es gibt radikalere, auch persönlichere Interpretationen. Aber Bohren hat einen stimmigen Ton gefunden. Klar spielt er, aber nie aggressiv; sensibel, ohne zu verzärteln; zurückhaltend und engagiert in einem. Bei Bach müsse man nicht originell sein, sagt er, sondern eine passende Ästhetik finden.

«Für ihn ist die Geschichte des Instruments ebenso wichtig ist wie seine Qualität.»

Seine Ästhetik orientiert sich an den Grossen der Vergangenheit: an Milstein, an Menuhin. Für historische Aufführungspraxis interessiert er sich dagegen kaum: «Ich hatte noch nie eine Barockgeige in der Hand.» In der Barockzeit gebaute Geigen dagegen schon. Einige Jahre lang hatte er als Mitglied des Stradivari-Quartetts eine Stradivari zur Verfügung. Und nun spielt er leihweise eine Guadagnini – wobei für ihn die Geschichte des Instruments, das zuvor der 2017 verstorbene Geiger Thomas Füri gespielt hat, ebenso wichtig ist wie seine Qualität.

Auch sonst ist das Drumherum entscheidend für Bohren. Es zählt die Rokoko-Bibliothek im oberbayerischen Pollingen, die er sich für die Bach-Aufnahme ausgewählt hat, oder die Musikinsel Rheinau, wo er übt. Und es zählt die Tradition, in die er sich stellt. Es ist nicht jene der Wunderkinder und Wett­bewerbssieger; seine Vorbilder sind Musiker, «die keinen Ansporn brauchen, sondern die ­Motivation wie ein Perpetuum mobile in sich selber finden».

Ihm selbst fehlt diese Motivation nicht, er weiss, wo er hinwill. Mit 40, sagt er, werde er vielleicht dort angekommen sein. Und sich dann nächste Ziele setzen.

Sebastian Bohren: Bach, Sonata & Partitas BWV 1004–1006 (RCA Red Seal). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2018, 18:46 Uhr

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