In Hochform

Meisterzyklus in Bern: Der junge britische Cellist Sheku Kanneh-Mason, das Zürcher Kammerorchester und der Dirigent Thomas Zehetmair setzen den Berner Kursaal unter Spannung.

Sheku Kanneh-Manson offenbart in Bern die aufgeraute Seele eines Balladensängers, um dann in die Rolle des Virtuosen zu schlüpfen.

Sheku Kanneh-Manson offenbart in Bern die aufgeraute Seele eines Balladensängers, um dann in die Rolle des Virtuosen zu schlüpfen.

(Bild: zvg)

Selbst ein Ausnahmetalent wie der 1999 geborene Kanneh-Mason intoniert nicht jede Note souverän, hinterlässt auch einmal Kratzer in einzelnen unsauberen Höhen. Doch das Gesamtbild, das der Mann aus Joseph Haydns erstem Cellokonzert fertigt, ist das eines grossen Meisters, der im Kopfsatz seine lyrischen Soli mit ansteckender Frische zwischen die Ritornelle des Ensembles platziert und während des betörenden Adagios die aufgeraute Seele eines Balladensängers offenzulegen scheint, bevor er für das furiose Finale in die Rolle des Virtuosen schlüpft, der seinem Publikum den Atem raubt.

Das Ganze wird zusammengehalten von einem fein gesponnenen Netz aus dynamischen Details, eigenwilliger Phrasierung und unerschöpflichen Klangmöglickeiten, die der Cellist seinem über 400 Jahre alten Instrument abgewinnt – sowie gleichsam von der musikalischen Sensibilität der Begleitenden.

Intelligente Freunde

Das Kammerorchester steht dem Solisten mit untrüglichem Gespür für Nuancen in Stimmung und Tempo zur Seite, verwickelt ihn in wechselnd besetzte Zwiegespräche und erzeugt eine Atmosphäre freundschaftlicher Wärme, Zärtlichkeit gar, als wäre der Gast aus England seit jeher sein engster Partner; ein Dialog von berührender Intimität und eindrücklicher künstlerischer Reife.

Umklammert wird die Komposition Haydns von drei Werken seines jüngeren Kollegen und Bewunderers Wolfgang Amadeus Mozart, die das Orchester zum Anlass nimmt, sein Konzert mit zahlreichen weiteren Höhepunkten auszustatten. Dass Mozart nicht zwischen Kunst- und Volksmusik unterschieden habe, wie im Programmheft zu lesen ist, entpuppt sich angesichts der eröffnenden Märsche als Untertreibung.

Wie einfach auch immer die beiden – zweifellos in erster Linie leichter Unterhaltung dienenden – Stücke formal gestrickt sein mögen, sie vereinen dennoch in weniger als zehn Minuten so viele kunstvoll verarbeitete Ideen, dass sie genannte Unterscheidung ad absurdum führen. Allerdings bedarf es einer feinfühligen, intelligenten Interpretation, um dem Facettenreichtum dieser Musik gerecht zu werden. Und genau das liefern das Ensemble und der enorm präzise agierende Zehetmair durchs Band weg.

Zeitloses Klangrund

Besonders schön kommt diese Zusammenarbeit im letzten Drittel des Programms zur Geltung. Nicht nur das auf der Treppe zur Galerie geblasene, titelgebende Posthorn macht aus Mozarts D-Dur-Serenade ein Erlebnis, sondern auch die wiederholt zu Hochform auflaufenden Musikerinnen und Musiker.

Vom wunderbar organischen Streichersatz über die metronomisch scharfen Pauken hin zu grandiosen Soli und Duetten der Flöten, Oboe und Hörner, unterlegt mit klangrunden Fagotten: Jeder der sieben ohnehin vielschichtigen, einfallsreichen sieben Sätze wird zum musikalischen Kleinod. So spannend und zeitlos also kann ein auffallend klassisch gehaltener Abend sein, wenn ihn derart hochkarätige Künstlerinnen und Künstler bestreiten; die Zuhörenden verdanken es ihnen mit Begeisterung.

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