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«Ich lasse mich treiben»

Mit 25 ist der Münchner Sebastian Schwab der jüngste Gastdirigent am Pult des Berner Symphonieorchesters.

Marianne Mühlemann
«Nur wenn wir das gleiche Ziel vor Augen haben, wird das Resultat gut», sagt Dirigent Sebastian Schwab.
«Nur wenn wir das gleiche Ziel vor Augen haben, wird das Resultat gut», sagt Dirigent Sebastian Schwab.
Franziska Rothenbühler

Wir haben Tränen in den Augen, als wir uns das erste Mal die Hand schütteln. Auf der Treppe vor dem Stadttheater weht an diesem Nachmittag ein eisiger Wind. Sebastian Schwab scheint die garstige Temperatur nichts auszumachen. Er strahlt eine Heiterkeit aus, dass einem warm ums Herz wird.

So kennt man ihn von den Fotos im Internet, als Lockenkopf mit spitzbübischem Charme. Derart unverbraucht, voller Neugier und Tatendrang stellt man sich einen Erstsemestrigen vor. Das ist er aber nicht. Der 25-jährige Deutsche ist in Bern, um das Berner Symphonieorchester durch den Tanzabend «Vier Jahreszeiten» zu führen.

Er werde oft auf sein jugendliches Alter angesprochen, sagt der Dirigent und wirkt dabei ganz entspannt. Gewöhnt hat er sich auch an die verstohlenen Blicke, die ihm zugeworfen werden, wenn er das erste Mal vor ein Orchester tritt. «Viel Orchestererfahrung kann der junge Mann ja nicht haben, was soll der uns bringen? Darf man ihn ernst nehmen?» Solche Gedanken glaubt Schwab dann in den Gesichtern einiger Musiker zu lesen, die seine Grossväter sein könnten. «Ein Problem ist das nicht für mich. Es gibt immer auch die anderen, die auf Anhieb an mich glauben.»

Als junger Dirigent müsse man sich allerdings schon stärker beweisen. «Man steht unter Beobachtung. Beim Dirigat kommt es auf die ersten Takte an. Man darf die Verantwortung nicht abgeben und muss zeigen, dass man die Zügel in der Hand hat.» Ein Orchester sei wie ein Biotop. «Da sitzen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprachen, Generationen und musikalischer Schulen vor dir. Sie zusammenführen ist eine Herausforderung. Doch nur wenn wir das gleiche Ziel vor Augen haben, wird das Resultat gut.»

«Es kommt immer etwas»

Dass er in Bern dirigiert, verdankt er glücklichen Zufällen. Er sei kein Mann, der eine minutiöse Karriereplanung betreibe. «Ich lasse mich treiben. Das hat sich bewährt. Es kommt immer etwas.» Ja, er sei wohl ein unverbesserlicher Optimist, fügt er an, so, als ob er sich dafür entschuldigen müsse, dass ihm vieles leichter geht als anderen.

Vor zwei Jahren hat das Multitalent einem seiner Musikprofessoren an der Münchner Biennale assistiert. In den Endproben kam es zu jenem Unfall, der für ihn schicksalsweisend werden sollte. Der Dirigent brach sich den Fuss, Schwab übernahm. Ein Sprung ins kalte Wasser. Doch alles ging gut. Das fanden auch BSO-Chefdirigent Kevin John Edusei und Konzert- und Operndirektor Xavier Zuber, die im Publikum sassen. Und es hatte Folgen.

Seit September ist Sebastian Schwab der persönliche Assistent von Kevin John Edusei bei den Münchner Symphonikern. Es ist Eduseis zweiter Chefposten als Dirigent. Wenn er 2019 Konzert Theater Bern verlässt, wird er sich voll in München engagieren.

Sebastian Schwab hat von Konzert Theater Bern gleich mehrere Einladungen als Gastdirigent erhalten. Nach dem Tanzabend «Vier Jahreszeiten» wird er im März 2019 auch die Uraufführung der Science-Fiction-Oper «Humanoid» von Leonard Evers dirigieren, einen Thriller über künstliche Intelligenz und Digitalisierung.

Dass er sich das alles zutraut, Barock, Klassik, Oper, Neue Musik und Tanz? «Ich bin noch zu jung, um mich auf ein Gebiet konzentrieren zu dürfen. Ich will als Dirigent alles machen und Neues dazulernen. Wenn ich älter und reifer bin, wird sich von selber eine Spezialisierung ergeben.»

Notenpapier hat er immer dabei

Die Musik hat früh in seinem Leben Einzug gehalten. Der hoch talentierte Sohn einer Kirchenmusikerin hat im Alter von fünf Jahren seinen ersten Geigenunterricht bekommen und auch da bereits mit Komponieren begonnen. Der Entscheid, Berufsmusiker zu werden, sei aber erst mit dreizehn gefallen. Seither läuft es für den Münchner wie am Schnürchen. Obwohl er sich gelegentlich dabei ertappt, von einer festen Stelle als Dirigent an einem Theater- oder Opernhaus zu träumen, geniesst er die Freiheit, seine Zeit einzuteilen. Denn freie Zeit bedeutet für ihn joggen, kochen (liebend gerne Italienisch und Indisch), lesen (aktuell Stefan Zweigs Roman «Ungeduld des Herzens») und komponieren. Stift und Notenpapier hat er immer dabei, die kreativen Ideen sowieso. Aktuell arbeitet er an einem Stück für Chor und Saxofonquartett. Eine Auftragsarbeit. Disziplin sei wichtig, bereits spüre er die Deadline im Nacken.

Schwabs kompositorisches Œuvre umfasst mittlerweile über vierzig Werke für verschiedene Besetzungen. Im Sommer ist bei den Opernfestspielen Heidenheim seine erste Kinderoper erfolgreich uraufgeführt worden. Wie würde er seinen Kompositionsstil beschreiben? «Vielleicht ein wenig so, wie Leos Janacek komponiert hätte, wenn er fünfzig Jahre länger gelebt hätte.»

Begegnung seines Lebens

Schwab war gerade 18, als ihm das Komponieren zu einer Begegnung verhalf, die ihn bis heute prägt. Er wurde als Komponist eingeladen, um mit dem heute 93-jährigen Musiker und Aktivisten Mikis Theodorakis im Projekt «Echowand» zusammenzuarbeiten.

Die Krise zwischen dem verschuldeten Griechenland und Deutschland als Hilfeleister war damals gerade auf einem Höhepunkt. Theodorakis hatte die Idee, durch die Kooperation mit einem jungen deutschen Komponisten ein Zeichen zu setzen. «Er träumte von einer kosmischen Melodie, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und sich verändert.» In Erinnerung ist Schwab auch geblieben, dass der Altersunterschied nie ein Thema gewesen sei. «Im Geist war Mikis frisch und jung.»

Schwab sieht Parallelen zwischen dem «Echowand»-Projekt und den «Vier Jahreszeiten – recomposed» von Max Richter. «Letzteres ist ein Echo auf Vivaldis Werk. Die Tradition ist auch hier die lebendige Zelle, aus der Neues entsteht.» Und wie läuft die Probe am Stadttheater? «Ich lerne von den Tanzenden viel über nonverbale Kommunikation und Ausdruck. Auch wenn man nicht tanzt, der Körper spricht immer.»

Stadttheater Bern, Samstag, 19.30 Uhr (Premiere). www.konzerttheaterbern.ch

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