«Ich lasse mich nicht verführen»

Schlechte Musik hat für ihn auch einen Wert: Begegnung mit dem Berner Komponisten Urs Peter Schneider, der im Auftrag des BSO ein Orchesterwerk komponiert hat.

«Als Komponist ist mir kein Publikum zuwider!», sagt Urs Peter Schneider.

«Als Komponist ist mir kein Publikum zuwider!», sagt Urs Peter Schneider.

(Bild: Adrian Moser)

Ihr Orchesterstück wird im Rahmen eines BSO-Konzerts mit dem Titel «Mozart Variationen» uraufgeführt. Was hat es mit Mozart zu tun? Nichts! Oder höchstens dies: Mozart ist für mich der modernste, revolutionärste, interessanteste Komponist der Vergangenheit.

Und der Titel «Fügung»? Er bezieht sich auf den Kompositionsprozess. Handwerklich betrachtet ist das Werk eine Zusammenfügung unzähliger Ebenen mit über 175?000 Einzeltönen, die zu Klangblöcken verfugt sind.

Das klingt radikal. Ist es auch. Jedes Mal, wenn ich ein grösseres Projekt in Angriff nehme, gehe ich von einer möglichst radikalen Idee aus, einem Nonplusultra.

Warum dirigieren Sie die Uraufführung nicht selber? Ich dirigiere nur sporadisch und eher ungern. Dass Philippe Bach als Dirigent berufen wurde, darauf hatte ich als Komponist keinen Einfluss. Philippe ist mir ein lieber Freund und auch ein ehemaliger Student – als Dirigent die Idealbesetzung.

«Als Komponist ist mir kein Publikum zuwider!»Urs Peter Schneider

Es erstaunt, dass Sie den Kompositionsauftrag des BSO angenommen haben. Wer Sie kennt, würde annehmen, dass Ihnen ein konservatives Abokonzert-Publikum zuwider ist. Nanu: Als Komponist ist mir kein Publikum zuwider! Und von der Möglichkeit, für ein so grosses Orchester zu komponieren, war ich sehr angetan.

Welchen Stellenwert haben für Sie als zeitgenössischen Komponisten musikalische Traditionen? Sie sind Kraftquellen und Quellen des Entzückens. Als Pianist setze ich mich täglich übend mit den alten Meistern auseinander. Ich konzertiere ja noch immer.

Warum spielen nicht Sie, sondern Fazil Say den Klavierpart im Mozart-Konzert, das das BSO auch aufführt? Ich wurde nicht angefragt. Vermutlich hatte Mario Venzago genügend Mühe, den sperrigen Schneider und den noch sperrigeren Meier überhaupt im Programm unterzubringen. Es hat wohl einen pragmatischen Grund: Fazil Say ist internationaler als ich und zieht beim ­Publikum mehr.

Sie sprechen das Werk von Hermann Meier an. Wer ist das? Ein Solothurner Komponist, der 2002 mit 96 Jahren starb. Er wurde zu Lebzeiten selten gespielt, zu Unrecht! Für mich ist Meier inmitten der Vergnügungskultur ein Fels des Widerstands und gehört zum unverzichtbaren Bestand der relevanten Schweizer Musik. Seine Radikalität, an die Wurzeln der Dinge zu gehen, verbindet ihn mit mir.

Weshalb war seine Musik verschollen, bevor Sie sie entdeckten? Die damaligen Dirigenten und Instrumentalisten waren intellektuell und musikalisch nicht in der Lage, Meiers Musik zu würdigen. So bekam er lauter Absagen. Dabei hat er über zwanzig Orchesterwerke komponiert! Nun haben die Interpreten genaues Notenlesen dazugelernt, man ist Neuer Musik gegenüber offener geworden. Meiers Zeit ist jetzt da.

Ihre Radikalität steht im Widerspruch zu Ihrem Alltag: Sie komponieren und schreiben von Hand. Sie haben weder Handy noch Computer. Was soll diese Verweigerung? In gewissen Projekten kommt ein externer Computer schon zum Einsatz. Aber: Von Hand schreiben ist für mich ein sinnliches Vergnügen. In meinem Alltag brauche ich nur genau das, was ich eben brauche. Ich lasse mich nicht verführen und gehe nicht nach Moden. Das hat nichts mit Angst oder Verweigerung zu tun, eher mit Sorge.

«Ich die Erfahrung gemacht, dass selbst das mieseste Kunstwerk der Erkenntnis dienen kann.»Urs Peter Schneider

In der Neuen Musik ist es oft schwierig, Qualität zu erkennen. Wie unterscheiden Sie eine gute oder schlechte Komposition? Eine schwierige Frage, die man nicht generell, sondern nur im Einzelfall beantworten kann. Und da mein Urteil meist direkt und unverblümt ist, hüte ich mich, alles herauszuposaunen, was ich denke. Ich mag auch niemanden wegen geringer kompositorischer Fähigkeiten verstören. Ausserdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass selbst das mieseste Kunstwerk der Erkenntnis dienen kann, vorausgesetzt, man hört urteilsfrei zu.

Was ist Ihre Mission als Komponist? Komponieren ist für mich keine missionarische Tätigkeit. Ich bewähre mich in allen möglichen Formen: Kammermusik und Konzepte, sogar eine Oper und eine Operette. Ich komponiere immer in voller Freiheit, die mir auch ein Auftrag nicht beeinflussen kann!

Wie halten Sie den Widerspruch aus, als Komponist preisgekrönt und bewundert, aber vom Publikum missverstanden zu werden? Damit habe ich kein Problem. Ich war und bin nicht verbittert. Was ich mache, ist eine Offerte an zuhörende Menschen. Alle sollten je eigene Herangehensweisen ausprobieren dürfen. Deshalb komponiere ich ja auch so, wie ich komponiere: möglichst freilassend.

Was meinen Sie mit «freilassend»? Eine Offerte ohne Demagogie.

Seit Ihrer Emeritierung vor vierzehn Jahren beschäftigen Sie sich vermehrt mit Sprache. Mutieren Sie vom Musiker zum Dichter? Keineswegs. Ich habe immer auch geschrieben und seit 1955 Literarisches und Musikalisches in theatralen multimedialen Werken verschwistert. Für mich bedeutet Schreiben eine Einübung in Disziplin und Fasslichkeit. Und unzählige meiner Texte sind genauso so subtil strukturiert wie meine Kompositionen.

Eben ist Ihr Buch «Schriften I bis V» im Bieler Verlag Die Brotsuppe herausgekommen: ein über 500-?seitiges Werk. Gibt es einen Unterschied in der Wahrnehmung Ihrer Musik und Ihrer Texte? Meine Texte sind in ihrem Sprachwitz leichter zugänglich als meine Musik, die als intellektuelle Zu-Mutung vom Publikum zuerst eine Arbeit einfordert, bevor sich Erkenntnis einstellt.

«Wenn meine Kompositionen Fragen aufwerfen, anstatt Urteile zu provozieren, ist vieles erreicht!»Urs Peter Schneider

Würden Sie als Komponist gerne populärer sein – wie Mozart zum Beispiel? Oder gehört die Widerständigkeit des Utopisten zu Ihrem künstlerischen Selbstverständnis? Mehr als Haltung zu bewahren und dabei authentisch zu bleiben, ist mir nicht möglich. Wenn meine Kompositionen Fragen aufwerfen, anstatt Urteile zu provozieren, ist vieles erreicht! Ich werde jedenfalls weitermachen und bin nicht unglücklich, wenn mein Tun das üble Bestehende befragt und den perversen Musikbetrieb ­infrage stellt und relativiert.

Was ist pervers im Musikbetrieb? Dummheit, Selbstgefälligkeit, Abhängigkeit von Geld, Moden, Eitelkeiten. Und grassierende Oberflächlichkeit.

Sind Sie mit dem Alter versöhnlicher, angepasster geworden? Ich war immer versöhnlich, aber gleichzeitig künstlerisch unbeirrbar. Und das Phänomen Gesellschaft macht mit eher Angst – insbesondere nach Abstimmungen. So halte ich mich im Alltag eher an einzelne Menschen. Bei Freunden und Freundinnen spielt Anpassung keine Rolle. Meine ständigen radikalen Neuansätze haben mit einem skeptischen Optimismus zu tun, aber auch mit einer Lebensfreude, die sich in den letzten Jahren noch gesteigert hat.

Warum leben Sie in Biel und nicht in Bern, Ihrer Geburtsstadt? Ich liebe die Offenheit und Unkompliziertheit der sehr durchmischten Bieler Bevölkerung. Hier kann ich meine tollsten Sachen realisieren. Warum sollte ich in Bern leben? Für mich ist Biel die Alternative zum viel langweiligeren und von allen guten Geistern verlassenen Stadtbern geworden. Dieser Ansicht bin nicht nur ich. Ich kenne viele bekannte Künstlerinnen und Künstler, die aus Bern geflohen sind, weil sie von der Stadt verscheucht und verunglimpft oder in ihrer Kompetenz nicht wahrgenommen wurden. Ich fühle mich in Biel wohler und bin in Bern nur noch tätig, wenn man mich respektvoll willkommen heisst.

Kultur-Casino Bern, Do, 10./Fr, 11. Nov., 19.30 Uhr. Infos zu Urs Peter Schneider: www.diebrotsuppe.ch

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