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Gustav Mahlers scharfe Kurven

Mit der siebten Mahler-Sinfonie meldet sich David Zinman nach seinem Sabbatical zurück in der Tonhalle. Und wie!

Es herrschte eine festliche Stimmung am Dienstag in der Zürcher Tonhalle, und sie kam nicht von der C-Dur-Heiterkeit im Finale von Mahlers Sinfonie Nr. 7. Die war nämlich gar nicht so ungetrübt in der Interpretation von Chefdirigent David Zinman, dem der herzliche Applaus von Publikum und Orchester galt. Gerade in diesem Satz, der in seinem scheinbar ungebrochenen Optimismus schon immer als irritierend empfunden worden ist, zeigte Zinman seinen Sinn für mahlersche Vieldeutigkeiten.

Damit knüpfte er dort an, wo er vor seinem Sabbatical mit Mahlers sechster Sinfonie aufgehört hatte: bei einer genauen Lektüre der Partitur, unter Zurücknahme des eigenen interpretatorischen Egos. Wo andere Dirigenten Mahlers Vorgaben oft zuspitzen, scheint Zinman vieles einfach geschehen zu lassen, wobei das «einfach» in dicke Anführungszeichen zu setzen wäre. Viel analytische Arbeit steckt hinter der Plastizität, mit der sich dieses monumentale Werk hier entwickelt. Überaus bewusst sind die Tempi aufeinander abgestimmt. Und wenn der erste Satz kaum mehr von einem aufgeputschten Forte herunterkommt, so steht eine klare Aussage dahinter: Hier geht es um einen Ausbruch, und der ist nicht so leicht zu haben, dass er ins pure Glück führen könnte.

Musizieren auf einem Grat

Schon in diesem ersten Satz musiziert das hochmotivierte Tonhalle-Orchester stets auf einem Grat. Jederzeit könnte diese Musik in einen Trauermarsch umschwenken oder auch in eine ganz andere Richtung. Zinman lässt die Melodien schweifen und schwelgen, um die rhythmischen Zügel dann wieder straff anzuziehen und verleiht dem komplexesten Teil der Sinfonie damit klare Konturen.

Mahlers eigene Definition eines «vorwiegend heiteren» Werks erledigt sich bereits hier als leeres Verkaufsargument. Diese Siebte hat hörbar viel mit der «tragischen» sechsten Sinfonie zu tun (in einzelnen Motiven, im Changieren zwischen Dur und Moll, im Herdengeläut). Immer wieder verrutschen die Rhythmen, entgleisen Harmonien, werden Klänge brüsk umgestossen. So nahe die Idylle etwa in der ersten der beiden «Nachtmusiken» scheint, so rasch führt der verspielte, vertrillerte Beginn in unheimliche Gefilde. Das Orchester hat auf dem Sprung zu sein und das Publikum ebenfalls.

Dass diese Vieldeutigkeit nie unentschieden wirkte: Auch das ist eine Qualität von Zinmans Mahler-Interpretation. Fulminant setzte das Finale ein, auf hohem Energie-Niveau ging es weiter, und gerade dadurch kippte der Schein-Optimismus immer wieder ins Sarkastische. Noch dem letzten Akkord ging ein sanft betonter Schatten voraus: ein hinreissendes Ende einer hinreissenden Aufführung.

Premiere für die «Ausführung»

Der Abend ging danach noch weiter. Tonhalle-Direktor Elmar Weingarten veranstaltete in Ergänzung zu den üblichen Konzerteinführungen erstmals eine «Ausführung». Als Gesprächsrunde mit dem Publikum ist diese Veranstaltung gedacht, was noch nicht so ganz funktionierte; vielleicht ist der Rahmen im Kleinen Saal zu formell dafür. Aber was Zinman und der Oboist Simon Fuchs über Mahlers Pop-Art-Techniken oder seinen Hang zu scharfen Kurven zu erzählen hatten, war höchst aufschlussreich. Er müsse vor allem bei den Tempi klare Entscheidungen treffen, sagte Zinman, «und wenn das Orchester die akzeptiert hat, dann muss ich ihm nur noch folgen». Eine schöne Formulierung für das Geben und Nehmen, von dem diese Aufführung gelebt hatte.

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