Glück ist eine Entscheidung

Es sei die Vertiefung, die in der Musik für Glücksgefühle sorge, sagt Meret Lüthi, die künstlerische Leiterin des Barockorchesters Les Passions de l’Ame.

Visionen haben immer Vorrang. Sie geben Kraft»: Meret Lüthi, die Leiterin von Les Passions  de l’Ame.

Visionen haben immer Vorrang. Sie geben Kraft»: Meret Lüthi, die Leiterin von Les Passions de l’Ame. Bild: Franziska Rothenbühler

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Les Passions de l’Ame? Am Namen kann der Erfolg nicht liegen – viel zu kompliziert! So ist man geneigt zu urteilen – und liegt falsch. Seit genau zehn Jahren ist nämlich ein Berner Orchester mit diesem komplizierten Namen erfolgreich unterwegs. Mehr noch: Les Passions de l’Ame ist eine Marke geworden für hochkarätige Barockmusik made in Bern. Was viele nicht wissen: Der Name ist keine Fantasie-Blüte einer ideenreichen Musikerin. Er bezieht sich auf den Titel eines Aufsatzes des französischen Philosophen René Descartes (1596–1650), in dem der Naturforscher die Leidenschaften der Seele (eben: les passions de l’âme) analysiert und wissenschaftlich erläutert.

«‹Leidenschaften der Seele› bringt auf den Punkt, was uns antreibt», sagt Meret Lüthi, die künstlerische Leiterin, gibt aber zu, dass sie sich vor der Geburt ihres Orchesters auch andere Namen hätte vorstellen können. «Einen Namen zu finden, ist nicht einfach», so Lüthi. «Da schwingt vieles mit.» Es sei ähnlich wie bei einem Kind, für das man einen Namen suche, bevor man es kenne: «Mit der Wahl beeinflusst man irgendwie sein Schicksal mit.»

Der Name Les Passions de l’Ame brachte dem Berner Ensemble Glück: Die vergnügliche Debüt-CD «Spicy» wurde zum Verkaufsschlager und zudem mit dem französischen CD-Preis «Diapason d’Or» ausgezeichnet. Die erfrischende Dramaturgie des Programms ist typisch für Lüthis Konzerte. Hier wurden barocke Werke von Johann Heinrich Schmelzer, Ignaz Franz Biber und Johann Joseph Fux zu Bildern gebündelt – zum erfrischenden Kuriositätentheater, wie es am Hof des Sonnenkönigs nicht lustvoller hätte gespielt werden können!

Les Passions reichert die wirblig-virtuosen Stücke mit Hackbrett und Perkussion an und zeigt keine Berührungsängste, die Affektmusik mit Hühnergegacker und Schlachtenlärm lautmalerisch auszubauen. Und das Kopfkino ging auch auf den weiteren CDs – «Bewitched» (2015) mit Werken von Geminiani und Händel sowie «Schabernack» (2017) – weiter. Für eine Orchestergründung brauche es nicht nur Ideen und Geld, sagt Lüthi. Sondern vor allem Leidenschaft. Descartes hatte also recht, als er befand, Glück sei eine Entscheidung.

Fragen, Suchen, Forschen

Doch wieso hat Lüthi als vielseitige Berner Musikerin den Fokus mit ihrem Orchester ausgerechnet auf das 18. Jahrhundert eingeengt? Wird das nach zehn Jahren nicht eintönig? «Oh nein, nie!», sagt sie, und man spürt ihr Feuer. Musizieren bedeute ja nicht nur Spielen, sondern vor allem Fragen, Suchen, Forschen. Es gebe so viele unbeantwortete Fragen in der alten Musik. «Und jede Frage generiert neue.» Genau das motiviere sie, immer weiterzugehen.

Die musikalischen Erfahrungen, die sie mit ihrem Orchester erarbeitet hat – das intern übrigens bloss «Pada» heisst –, soll von den Rändern des Barock aus weiterführen. Vermehrt möchte sie das Repertoire mit Stücken aus der frühen Klassik ergänzen. «Wir rollen die Musikgeschichte von hinten auf», sagt Lüthi. Barockmusik sei keine Sackgasse. Allerdings: «Es ist die Vertiefung, die in der Musik für Glücksgefühle sorgt, nicht die breite Bewirtschaftung.»

Wenn man dennoch den Zeitstrahl von Lüthis Visionen weiterdenkt, kommt man in die Gegenwart. Und damit zur Neuen Musik, wo ihr Mann, der Berner Musiker und Dirigent Matthias Kuhn, «zu Hause» ist. Wie wird über Musik kommuniziert zwischen Eheleuten, wenn ihre Welten so weit auseinander liegen? Die Grundprinzipien des Zusammenspiels in einem Orchester seien die gleichen, sagt Lüthi. Und da sie beide in ihren Gebieten Alphatiere seien, gehe der Gesprächsstoff ohnehin nie aus.

«Es ist ein Luxus in einer Partnerschaft, wenn man sich über die exponierte Stellung als Chef oder Chefin austauschen und beraten kann. Wir können vieles teilen.» Lust, als Geigerin in die Musik des späten 20. und des 21. Jahrhunderts zu wechseln, hat sie im Moment nicht, ihre Bewunderung für Geigerinnen und Geiger, die das zeitgenössische Repertoire für sich entdecken, ist aber gross. «Ich bin glücklich in der alten Musik, sie bietet mir viele Interpretationsfreiräume.» Als Beispiele nennt Lüthi die Tongebung, die Verzierungskultur oder die Phrasengestaltung – Themen, die sie auch mit ihren Studierenden an der Hochschule der Künste Bern untersucht.

Sie geniesse es, wie sich im Unterricht mit jungen Menschen verschiedene Berufszweige, Erfahrungen und Lernfelder gegenseitig stimulierten, sagt die Musikerin. Das sei nicht immer so gewesen. Als Lüthi mit 23 Jahren als jüngste Dozentin an der HKB Fachdidaktik Geige unterrichtete – also, wie man lehrt, Geigespielen zu lehren –, da habe sie sich nach einigen Jahren plötzlich zu jung gefühlt für einen so verantwortungsvollen Posten auf Lebzeit – und gekündigt. Nach Lehr- und Wanderjahren ist sie zurückgekehrt. «Heute kann ich den Studierenden zeigen, wie ich im professionellen Orchester arbeite», sagt sie und verweist auf die Side-by-side-Konzerte, die sie mit Les Passions initiiert hat und in denen Studierende neben erfahrenen Profimusikern auf der Bühne stehen.

Bescheidenheit ist fehl am Platz

Zehn Jahre, und wie weiter? Meret Lüthi hat mit den 14 freischaffenden Musikerinnen und Musikern von Les Passions de l’Ame Grosses vor. Das sieht man auch im Jubiläumsprogramm, wo oft doppelt so viele Personen mitspielen, wie eigentlich im Orchester sind. Die Aufstockung ist aber nicht nur der Besetzung geschuldet. Sie hat mit Lüthis Visionen zu tun. «Ich möchte, dass der Name Les Passions de l’Ame künftig mit opulenten Orchesterprogrammen gleichgesetzt wird», sagt sie. Auf dieses Ziel habe sie von Anfang an hingearbeitet. «Wir wollen als Orchester Karriere machen, weil wir zu einer Identität zusammengewachsen sind.

Nicht, weil wir als anonyme Band einen internationalen Solisten begleiten.» Bewusst sei sie nie die Zugpferd-Strategie gefahren. Die Rechnung ist aufgegangen. Sie hat den Erfolg auf ihrer Seite. Meret Lüthi wird mit einem kantonalen Musikpreis ausgezeichnet. Das Wichtigste, was sie in zehn Jahren mit Les Passions gelernt habe, sei, gross zu denken. «Bescheidenheit ist oft fehl am Platz, wenn man ein Ziel erreichen will. Wünsche und Visionen haben immer Vorrang. Sie geben Kraft. Redimensionieren kann man immer.»

Preisverleihung in der Reitschule (Grosse Halle), Dienstag 14.11, 19.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.11.2017, 06:55 Uhr

Die Ausgezeichneten

Neben der 39-jährigen Geigerin Meret Lüthi, der künstlerischen Leiterin und Mitbegründerin des Barockensembles Les Passions de l’Ame (vgl. Haupttext), erhalten folgende Künstler einen der mit 15'000 Franken dotierten kantonalbernischen Musikpreise: der Rapper Baze (Basil Anliker), der DJ und Produzent Deetron (Sam Geiser) sowie der Klarinettist Ernesto Molinari. Die Sängerin Rea Dubach wird mit dem Coup de cœur (3000 Franken) ausgezeichnet. Die Verleihung der Musikpreise findet zusammen mit der Vergabe des Berner Filmpreises statt.

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