Farbenprächtig funkelnd

Mit einer Programmrarität und britischer Verstärkung debütieren Les Passions de l’Ame im Kulturcasino – und lösen Begeisterung aus.

Funkelnd fügen sich die Linien zu einem Ganzen: Les Passion de l'Ame.

Funkelnd fügen sich die Linien zu einem Ganzen: Les Passion de l'Ame. Bild: zvg

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«Slightly bonkers» sei der Text, den Thomas Linley (1756–1778) zwei Jahre vor seinem Unfalltod vertont hat, steht auf der Internetseite des englischen Vokalensembles Solomon’s Knot, ein wenig meschugge also. In der Tat liegt «A Lyric Ode on the Fairies, Aerial Beings and Witches of Shakespeare» ein krudes Sammelsurium an verbalen Versatzstücken zugrunde, zusammengestellt von einem Studienkollegen Linleys: Der Spirit of Avon tritt hier auf, neben Fancy und zwei im Angesicht des – obgleich rein instrumentalen – Hexenauftritts ängstlichen Beobachtern.

Solistisch wie im Verbund beschwören sie Shakespeares schöpferischen Genius, was Linley derart einfallsreich und farbenprächtig orchestriert hat, dass sich die Worte in der Musik auf­lösen – zumindest, wenn dem vor Lebendigkeit sprühenden Werk eine kongeniale Interpretation widerfährt, wie sie Les Passions de l’Ame gemeinsam mit Solomon’s Knot in den grossen ­Casino-Saal zaubern.

Fabelhafte stimmliche Präsenz

Es ist die zweite Zusammenarbeit zwischen dem Berner Barockorchester und dem britischen Kollektiv, und jede musikalische Bewegung zeugt von der Freude an dieser Kooperation. Angefangen bei der Ouvertüre, einem Panoptikum melodischer Ideenvielfalt, die den organischen Klang, die dynamische Differenziertheit und rhythmische Präzision der Passions zur Geltung bringt.

Als Gastleiterin agiert die Violinistin Julia Schröder mit enormem Gespür für kompositorische Subtilitäten wie das federnde Menuett, das zu Linleys Zeiten jedes Publikum von den Sitzen gerissen hätte. Derweil staunt die heutige Zuhörerschaft, als sich acht dunkel gewandete Figuren durch den Saal in Richtung Bühne schlängeln, um dort mit fabelhafter stimmlicher Präsenz den ersten Chor zu intonieren. Da sitzen nicht nur die vertracktesten Einzeleinsätze, sondern vor Vitalität funkelnd fügen sich die Linien zu einem kunstvollen Ganzen, das sprachlos macht.

Und die im Vorfeld angekündigte Choreografie besteht in erster Linie darin, dass die Singenden, anders als in vergleichbaren Settings, keine Noten dabei haben, die sie daran hindern, von ihrer dramaturgisch stimmigen Mimik und angenehm minimalen Gestik Gebrauch zu machen. Die Darbietung wird somit auch zum visuellen Genuss, und die wenigen nicht ganz messerscharfen Koloraturen und überspannten Spitzen in den Sopransoli des Spirit sind ebenso schnell vergessen wie die halbe Sekunde kurz vor Schluss, die Gesang und Instrumente ein einziges Mal benötigen, um sich auf dasselbe Tempo zu einigen.

Wie blosses Ausatmen

Insgesamt folgen die Höhepunkte dicht aufeinander, die erste Arie der Fancy etwa, vorgetragen in glockenhellem, klarstem Sopran, mit beeindruckender Leichtigkeit und dennoch so dramatisch, als befände man sich inmitten einer Händel-Oper.

Nicht minder grossartig ist der überraschende Beginn des zweiten Werkteils, wo die linde Mittsommernacht abrupt in eine brillant umgesetzte orchestrale Düsternis umschlägt, von den fearful observers mit kräftigem Bass genüsslich ausgekostet. Und dann setzt ein letzter Steigerungslauf ein: Im Duett mit einer Oboe perlen die geschmeidigen Verzierungen und Kolo­raturen plötzlich, als wären sie blosses Ausatmen. Noch einmal rücken die zwei Ensembles näher zusammen, um Shakespeares Apotheose vorzubereiten, als die sich das gloriose Finale gebärdet. Spätestens jetzt – der begeisterte Applaus geht in Standing Ovations über – wird deutlich, wie viel von dem viel zu früh verstorbenen Komponisten noch zu erwarten gewesen wäre. (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2016, 16:38 Uhr

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