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«Es wird Änderungen geben»

Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festival, verrät, warum er seinen Vorgänger Gidon Kremer nach Gstaad holt, Interlaken Classics aufgegeben hat und mit der Fotoagentur Magnum zusammenarbeiten wird.

«Menuhin als Name für das Festival ist nicht sakrosankt. Wir denken über eine Anpassung nach.»
«Menuhin als Name für das Festival ist nicht sakrosankt. Wir denken über eine Anpassung nach.»

Im Programm des Menuhin Festival taucht Gidon Kremer auf, Ihr 
Vorgänger als Festivalleiter. Stimmt, Gidon kommt das erste Mal nach Gstaad seit 2004.

Wegen Differenzen ist der lettische Stargeiger und Schützling Menuhins 1999 nach nur zwei Sommern ­gegangen. Wieso laden Sie ihn ein? Gidon hat mit «Tier-Harmoniker» ein Musikprogramm entwickelt für Hörer von «5 bis 95 Jahren». Es passt perfekt in mein Konzept, musikalische Themen breitenwirksam zu präsentieren und ein junges Publikum anzusprechen.

Wie hat Kremer auf die Einladung aus dem Saanenland reagiert? Er hat sich gefreut. Es ist Gras über die Geschichte gewachsen. Zudem sind in Gstaad zum grossen Teil neue Leute am Ruder, die ihm unvoreingenommen begegnen. Aber ich schliesse nicht aus, dass ihn die Gefühle einholen, wenn er die Kirche Saanen betritt und alles vorfindet wie damals, als er hier noch mit Yehudi Menuhin gespielt hat.

Das Motto des diesjährigen Festivals lautet «Music in Motion», es könnte auch «Müller in Motion» heissen. In der Tat: Bei mir ist viel in Bewegung. Ich habe 2013 die künstlerische Leitung von Interlaken Classics abgegeben und in Gstaad als Gesamtleiter mehr Verantwortung übernommen. Beim Kammerorchester Basel habe ich schon vor drei Jahren die Gesamtleitung abgegeben und konzentriere mich seither auf die künstlerische Planung und das Management der Konzerttourneen.

Wieso haben Sie Interlaken Classics fallen lassen? Ich bekam den Auftrag, das Festival umzustrukturieren und ihm ein neues Profil zu geben. Nach sieben Ausgaben war die Idee gut umgesetzt. Meine Mission ist damit beendet. Mehr freie Zeit scheinen Sie aber nicht zu haben. Sie haben sich auch als Cellist vom Kammerorchester Basel zurückgezogen. Hat der 
Musik-Manager Müller keine Lust mehr auf aktives Musizieren? Oh doch! Dieser Entscheid fiel mir nicht leicht. Doch es war nicht mehr zu vereinbaren mit meinen Ansprüchen. Die Qualität, die ich von Orchestermusikern erwarte, möchte ich selber auch erfüllen.

Sie haben 2013 die Joseph-Haydn- Stiftung gegründet und sind nun deren Präsident. Wieso? Eine Herzensangelegenheit. Die Idee mit Haydn kam mir in einem Konzert des italienischen Barockspezialisten Giovanni Antonini. Haydn feiert 2032 den 300. Geburtstag. Es ist unser Ziel bis dann sämtliche 107 Haydn-Sinfonien aufzuführen und einzuspielen. Wir möchten das Genie Haydn endlich gesamthaft so darstellen, wie ihm gebührt: als Revoluzzer, Vorreiter einer ganzen Gattung «Sinfonie» und als sensiblen und tiefgehenden Tondichter, von dem jede Sinfonie ein kleines Meisterwerk ist. Das Projekt soll in 38 Konzertzyklen über 19 Konzertsaisons umgesetzt werden. Jedes Projekt behandelt ein eigenes Thema und schliesst auch andere Komponisten und Kunstformen wie Fotografie und Literatur mit ein. Mit der Foto-Agentur ­Magnum in Paris/New York sind wir dafür eine einmalige Zusammenarbeit eingegangen. Es wird auch die erste Gesamteinspielung auf historischen Instrumenten werden. Ein Drittel der Werke wird Antoninis Orchester «Il Giardino Armonico» aufführen, zwei Drittel übernimmt das Kammerorchester Basel. Alle Projekte werden in Berlin, Basel, Eisenstadt und Zürich gegeben. Ein Traumprojekt . . .

. . . aus dem leicht ein ­finanzieller Albtraum werden könnte. Ich hatte Glück! Dass ich für das Projekt idealistische Musikförderer aus Basel begeistern konnte, die die Finanzierung bis 2032 zusichern, ist wie ein Sechser im Lotto.

Eine Novität in Gstaad ist die Gstaad Academy für Dirigenten. Auf dieses Projekt sind wir stolz. Es gibt in Europa keine vergleichbare Akademie für Dirigenten. Bei uns dauert sie drei Wochen à fünf bis sechs Unterrichtsstunden pro Tag. Das Repertoire umfasst alle Epochen. Und mit Isabel Mundry und Dieter Ammann werden zwei zeitgenössische Komponisten vor Ort sein, die im Auftrag des Menuhin Festival ein Orchesterstück komponiert haben. Den 17 Dirigierstudenten steht mit Neeme Järvi ein erfahrener Maestro zur Verfügung und mit dem Gstaad Festival Orchestra ein professionelles Sinfonieorchester. Normalerweise lernen Dirigenten ihr Handwerk am Klavier. Momente mit Orchester sind rar, weil es viel kostet, ein Orchester aufzustellen.

Wie finanzieren Sie das ambitionierte Projekt? Das Gesamtbudget für die Conducting Academy beträgt 660'000 Fr., der Kanton Bern und die Gemeinde Saanen haben einen namhaften Beitrag gesprochen, der 35 Prozent ausmacht. Der Rest wird durch Stiftungen und Privatpersonen gedeckt.

Sie leiten das Menuhin Festival seit 12 Jahren. Dieses Jahr werden Sie 44. Haben Sie schon daran gedacht, Gstaad den Rücken zu kehren? Warum sollte ich? Hier habe ich die Möglichkeit erhalten, kreativ zu sein und das Festival mit neuen Projekten zu dynamisieren. Solange ich damit Erfolg habe, gibt es für mich keinen Grund, etwas Neues zu suchen. Das Wichtigste für mich ist, dass ich meine berufliche Unabhängigkeit bewahren und meine Vielseitigkeit pflegen kann. Ich habe erkannt, dass ich nicht der Typ bin, der zu 100 Prozent in einen einzigen Betrieb eingespannt sein will. Ich bin Festivalmacher, Konzertveranstalter, Konzertvermittler und Erfinder neuer Projekte. Die Mischung macht für mich den Reiz.

Yehudi Menuhin ist seit 15 Jahren tot. Welche Bedeutung hat er heute als Namensgeber für das Festival? Menuhin als Name für das Festival ist nicht sakrosankt. Aber Menuhin war ja viel mehr als ein Geiger. Er war ein ­Humanist. Für ihn war die Geige ein Instrument, um seinen Botschaften eine Stimme zu geben und sie damit zu verbreiten. Er hat vieles ausgelöst. Denken Sie an die Menuhin School London, die Jugendförderprojekte, die Violin-Wettbewerbe oder die IMMA, die International Menuhin Music Academy.

Anders als das Menuhin Festival darben einige dieser Institutionen. Stimmt. Das Menuhin Festival Gstaad ist als Institution heute am unabhängigsten von Menuhin – und, so paradox es klingt, wohl deshalb erfolgreich.

Wieso ist das so? Weil wir nicht in der Vergangenheit stehen geblieben sind. Es ist uns gelungen, die Philosophie Menuhins ins 21. Jahrhundert zu transportieren.

Heisst das, dass der Name Menuhin heute kein Grund mehr ist, sich als Sponsor in Gstaad zu engagieren? Der Name Menuhin spielt für einen Sponsor keine Rolle. Heute geht es um Inhalte, um attraktive Konzerte und um die Plattform in Gstaad. Dennoch fühlen wir uns Menuhin verbunden und versuchen, seine musikalischen und humanistischen Botschaften umzusetzen. Er hat dieses Festival 40 Jahre lang geführt. Und ihm ist es zu verdanken, dass es überhaupt eine Musiktradition im Saanenland gibt. Das ist für uns Grund genug, ihm in irgendeiner Form zu huldigen. Tatsache ist jedoch, dass der Name eines Interpreten im Gegensatz zum Namen eines Komponisten nach seinem Tod allmählich verblasst. Wir denken daher über eine Anpassung im Namensauftritt nach. Möglich, dass 2016 der Zeitpunkt sein wird. Dann wäre Menuhin 100 Jahre alt und das Festival 60.

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