Zum Hauptinhalt springen

Er war der Captain

Vor hundert Jahren wurde der amerikanische Komponist, Dirigent und Charismatiker Leonard Bernstein geboren. Was bleibt von seinem Wirken?

Leonard Bernstein war masslos - als Musiker wie als Raucher.
Leonard Bernstein war masslos - als Musiker wie als Raucher.
Getty Images

Life can be bright in America If you can fight in America Life is alright in America If you’re a white in America

Man hat ja in letzter Zeit wieder öfter an Leonard Bernstein gedacht, nicht nur, weil am 25. August sein 100. Geburtstag gefeiert wird. Was wäre diesem amerikanischsten aller Dirigenten und Komponisten zur Gegenwart eingefallen? Was hätte er komponiert, wie hätte er sich ins politische Geschehen eingeschaltet? Man hört dann den Chor «America» aus seinem Musical «West Side Story», uraufgeführt 1957. Und man hört ihn, als sei er gestern erst komponiert worden.

Bernstein hätte sich darüber gewundert, vielleicht sogar geärgert. Die «West Side Story», sein grösster Erfolg, war auch sein grösstes Problem. Er mochte das Musical weit weniger als sein Publikum. Und er verzweifelte daran, dass ihm nie ein aus seiner Sicht herausragendes Werk gelungen sei: In den letzten Monaten seines Lebens schrieb er ein langes Gedicht, in dem er Gott bat, ihm noch ausreichend Lebenszeit dafür zu schenken. Es hat nicht gereicht. Am 14. Oktober 1990 starb er.

Das war Bernstein: einer, dem vieles glückte – und der doch immer wieder vom Gefühl angetrieben wurde, das Wesentliche fehle noch. Unruhig war er, leidenschaftlich, masslos als Raucher wie als Musiker, der ganze Nächte durchspielen konnte; verschwenderisch mit seinen vielen Talenten, und zu ungeduldig, um sich einem davon wirklich gründlich zu widmen. Geboren in Lawrence, Massachusetts, als Sohn von jüdischen ukrainischen Einwanderern, sollte er eigentlich die Firma für Dauerwellenapparate übernehmen, mit der sich sein Vater den amerikanischen Traum erfüllt hatte. Aber sein Traum war ein anderer. Und noch amerikanischer.

Bernstein war der erste nicht aus Europa importierte Chefdirigent eines grossen US-Orchesters (des New York Philharmonic, 1958–1969). Immer wieder hat er amerikanische Themen vertont: Einwandererkonflikte in der «West Side Story», den Watergate-Skandal in «1600 Pennsylvania Avenue». Seine dritte Sinfonie «Kaddish» hat er dem Andenken an John F. Kennedy gewidmet. Und vor allem hat er als überzeugter Eklektiker die romantische Tonsprache mit allem angereichert, was seine Klangwelt prägte: mit Jazz und Pop, mit jüdischen Melodien und südamerikanischen Rhythmen.

Keinerlei Berührungsängste

Europäischen Komponisten wäre es damals nicht eingefallen, Musicals zu komponieren; und nie hätten sie zugegeben, dass sie mit Simon & Garfunkel mehr anfangen können als mit der atonalen Avantgarde. Auch das Interesse an Dingen wie Baseball oder Comics war noch verpönt in hochkulturellen Kreisen.

Bernstein dagegen hatte keinerlei Berührungsängste – und vielleicht ist dies aus heutiger Sicht sein wichtigstes Erbe. Seine Sinfonien, seine Kammermusik, auch die meisten seiner Bühnenwerke werden selten gespielt; und selbst wenn sich seine Aufnahmen nach wie vor gut verkaufen, beziehen sich kaum noch Dirigenten auf ihn. Aber seine Offenheit gegenüber der Unterhaltungskultur, dem Fernsehen, dem Publikum sind wegweisend geblieben. Er hat sie auch nach Europa gebracht – bei seinem berühmten Berliner Auftritt nach dem Mauerfall, als er Beethovens «Ode an die Freude» als «Ode an die Freiheit» singen liess, und in enger Verbindung mit den Wiener Philharmonikern. Wenn heute ausnahmslos alle Konzertveranstalter sich um Vermittlung bemühen und immer mehr Dirigenten zu ihren Zuhörern sprechen: Dann ist dies Bernsteins Verdienst.

Ab 1958 präsentierte er die TV-Reihe «Young People’s Concert». Das New York Philharmonic spielte, Bernstein dirigierte und erklärte. Er sprach über Komponisten, Tonarten und Formen; und er tat es so anschaulich und humorvoll, dass er auch Leute erreichte, die nie ein Konzert besucht hätten. Auch seine Bücher funktionierten so: Las man etwa Bernsteins Einführung zu Dvoráks Sinfonie «Aus der Neuen Welt», hatte man viel gelernt – und sich bestens amüsiert.

So umstritten Bernstein war, weil seine Vielseitigkeit den Verfechtern eines erkennbaren Personalstils nicht passte, weil er sich als Dirigent manchmal eher für die Wirkung als für die Intentionen des Komponisten interessierte: Über sein Charisma waren sich alle einig. Einen Eindruck davon bekommt man in den Probenaufnahmen, von denen es unzählige gibt. Wie Bernstein den jungen José Carreras triezte oder einen Triangelspieler anspornte: Das sind Momente, die einen noch nach Jahrzehnten elektrisieren. «Be a captain», hat er einst einem Geiger zugerufen; er selbst war einer.

So ist es kein Zufall, dass die neueste Bernstein-Biografie den Titel «Der Charismatiker» trägt. Der Autor Sven Oliver Müller reicht zwar in Sachen rhetorischer Raffinesse nicht an seinen Protagonisten heran; aber er bietet eine vernünftig strukturierte Übersicht über ein Leben, das sich jeder linearen Erzählung entzieht – und behandelt auch jene Themen nüchtern, die ansonsten gern skandalistisch aufgeladen werden.

Zweigleisige Liebe

Da ist zumal Bernsteins Bisexualität, mit der sich seine Frau Felicia abzufinden hatte. Er war ein Familienmensch; gleichzeitig hat er sein Interesse an Männern nie verheimlicht. In den 1970ern, nach einer Krebserkrankung seiner Frau, ging er eine längere Beziehung mit dem Musikchef eines Radiosenders ein, bevor er zu ihr zurückkehrte. Und als seine Tochter Jamie heiratete, zählte er bei seinem Trinkspruch all die Vorzüge seines Schwiegersohns auf – und schloss zum Entsetzen der Gäste mit der Pointe «und er ist hetero».

Auch das passte zum Image des Bonvivants, das Bernstein pflegte. Und es gehörte in eine Zeit, da Dirigenten diese Imagepflege sehr bewusst und medienwirksam zu betreiben begannen. Auch Herbert von Karajan, der gern zu Bernsteins Gegenspieler stilisiert wird und dies teilweise auch war, verstand sich bestens darauf. Nur setzte er anders als Bernstein nicht auf hemdsärmlige Zugänglichkeit, sondern auf unnahbare Perfektion.

Nun, aus der Distanz, ähneln sich die beiden fast wieder – nicht nur wegen der gemeinsamen Vorliebe für Sportwagen. Beide wurden nach ihrem Tod zu Legenden verklärt und gleichzeitig ad acta gelegt. Und bei beiden denkt man, wenn man wieder einmal genauer hinhört: Doch, die haben sich ihren Ruhm redlich verdient.

Sven Oliver Müller: Leonard Bernstein – Der Charismatiker. Reclam, Stuttgart 2018. 302 S., ca. 43 Fr.

Hommage an Bernstein: Zürich, Miller’s Theater, So, 26. August. Anmeldung unter kulturstrudel.ch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch