Er hat nie den einfachen Weg genommen

Am Sonntag ist der grosse Berner Geiger, Thomas Füri 70-jährig gestorben. Er war ein Kommunikator ohne Scheuklappen, dem die Musikszene vieles verdankt.

Durch sein Spiel suchte er mit den Menschen zu kommunizieren: Der Geiger Thomas Füri und James Alexander am Klavier 2010 bei einem Konzert in Syrien.

Durch sein Spiel suchte er mit den Menschen zu kommunizieren: Der Geiger Thomas Füri und James Alexander am Klavier 2010 bei einem Konzert in Syrien. Bild: Keystone

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Der 29. Dezember 2015 war ein denkwürdiger Morgen. Draussen lag Schnee, das Jahr ging zu Ende. Eine Schar Klassikliebhaber nahm den Weg zum Kulturzentrum Rüttihubelbad unter die Füsse. Angekündigt war eine neue Gesprächsreihe im Rahmen des Klassikfestivals Rüttihubeliade. «Sternstunde» hiess der Anlass, der an diesem Morgen von Thomas Füri bestritten wurde, einem der ganz grossen Berner Geiger und Musikpädagogen.

Er war gekommen, um aus seinem reichen Musikerleben mit und für Musik zu sprechen. Und tat es, spontan und ohne Manuskript. Statt seiner Geige hatte er ein Tonband mitgebracht, auf dem er mit musikalischen Ausschnitten die Höhepunkte seiner unvergleichlichen Karriere dokumentierte.

Auch wenn in seiner Stimme die Leidenschaft für die Musik ungebrochen zu hören war, Füri war nur noch ein Schatten seiner selbst. Man sah ihm die Krankheit an. Schon länger konnte er nicht mehr Geige spielen. Und auch jetzt zitterte seine Hand, wenn er das Tonband bediente.

Es wurde eine Sternstunde unter Freunden. Füri liess sein Leben Revue passieren, ohne darüber zu jammern, dass ihm das Liebste nicht mehr möglich war. Das Geigespielen. Die Art wie er es tat: bescheiden, herzlich, mit feiner Selbstironie und ja, Humor. So wie man ihn als Musiker auf der grossen Konzertbühne kennt, so ist er auch jetzt, vor einem Dutzend Zuhörer. Es geht ihm um seine Sache, die Musik. Sie bedeutet für ihn Kommunikation mit einem Komponisten, Kommunizieren mit dem Publikum. Ein grosses Tamtam um seine Person, das liegt ihm nicht.

Ein Anruf verändert sein Leben

Er habe als 15-Jähriger plötzlich gewusst, dass er Geiger werden wolle, sagt Füri. Aber er sei ein Spätzünder gewesen. Ein lebhaftes, spielerisches Kind, das die Natur liebte und wie von selbst in die Welt der Töne, Melodien und Rhythmen hineingewachsen sei. Aufgewachsen ist er in einer musikalischen Familie. Seine Mutter ist Cellistin, der Vater Geiger, und die Quartettproben, denen er zu Hause schon früh beiwohnt, hinterlassen in dem Buben bleibende Erinnerungen.

Den ersten Geigenunterricht bekommt er von seinem Vater Erich Füri. Es ist für ihn klar, dass er aufs Gymnasium möchte. Im Kirchenfeld, wo er die Matura macht, übernimmt er die Leitung des Gymer-Orchesters. Das Geigespielen sei für ihn aber nie wichtiger gewesen als die Aufgaben. «Ich wollte ein guter Schüler sein, aber wie andere Jungs auch meine Freizeit haben.» Deshalb habe er nie mehr als eine Stunde pro Tag geübt.

1967, als er aus der Rekrutenschule nach Bern zurückkommt, erhält der Zwanzigjährige einen Anruf, der sein Leben verändern wird. Ob er mit der Camerata Bern auf Weltreise gehen möchte, wird er gefragt und denkt zuerst an einen Scherz. Doch dann entscheidet er sich. Noch am gleichen Nachmittag geht er ans Probespiel. Und obwohl Thomas Füri als Jüngster im Ensemble «nur» die zweite Geige spielt und zuhinterst im Orchester steht, sagt er zu.

Zum ersten Mal sitzt er im Flugzeug und tritt eine Reise an, wie er sie sich nie erträumt hätte. Der Berner Musiker spielt auf den Philippinen, in Singapur, Australien, Neuseeland, auf den Fidschi-Inseln, auf Hawaii und in den USA. Elf Wochen, tägliche Konzerte – und alles noch ohne Geigendiplom.

Nach der Rückkehr beginnt er seine Ausbildung am Konservatorium Bern bei Max Rostal. Aus dessen Geigenklasse stammen viele Mitglieder der Camerata, der Thomas Füri ab 1979 selber als Leiter vorsteht. Daneben konzertiert er aber weiterhin mit anderen Orchestern im In- und Ausland. Dass die Camerata bis heute ohne Dirigent spielt, war schon damals so. Man soll nicht auf einen Dirigenten schauen, sondern aufeinander hören, findet Füri. Auch von musikalischem Drill hält er nicht.

Viel wichtiger sei es, mit Spontaneität zu musizieren und mit ein wenig Risiko. Die intensive Arbeit – manchmal Tag und Nacht – zahlt sich aus. Die Camerata erhält einen Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon, damals einem der wichtigsten Klassiklabels. Und die Einladungen in die grossen Konzertsäle der Welt lassen nicht auf sich warten. Thomas Füri aber behält seinen Heimathafen in Bern im Auge. Hierher kehrt er immer wieder zurück. Mit seiner Frau Ursula Füri-Bernhard, die als Sopranistin am Berner Stadttheater grosse Erfolge feiert, hat er zwei Töchter.

Konzerte, Tourneen, Familie: Der Musiker ist eine Kerze, die an beiden Enden brennt. In dieser wichtigen Phase seines Lebens hat er zwei feste Ensembles, die Camerata Bern und I Salonisti, mit denen er als Stehgeiger in der Verfilmung von «Titanic» einem Millionenpublikum bekannt wird.

1993, als Füri die Leitung der Camerata Bern abgibt, wird er mit dem Musikpreis des Kantons Bern für seine Verdienste ausgezeichnet. Sie gehen weit über die Konzerttätigkeit hinaus. Denn Füri wird nicht nur beim Publikum, sondern auch als Professor an diversen Musikhochschulen beim Nachwuchs hoch geschätzt.

Noch etwas Neues beginnen

Er sei nie den einfachsten Weg gegangen, privat nicht und in der Kunst nicht, sagte Füri. Und er habe immer das Gefühl gehabt, nach 45 müsse es noch einmal eine Neuorientierung geben. Gesagt, getan: Weil das Quartett-Spiel die Königsdisziplin der Kammermusik für ihn bedeutet, gründet er das Aria-Quartett und baut mit dem Ensemble eine eigene Konzertreihe auf.

Es sei ihm nie um Perfektion oder glatte Routine gegangen, um «Karriere», sagt Füri im Rüttihubelbad, wo das Publikum ab Band auch seinen unvergleichlich-sprechenden, emotional aufgeladenen Geigenton zu hören bekommt. Wie Füri mit zärtlich-heiterem Ton Fritz Kreisler spielt und hinter dem Schmelz auch die bitterdunkle Seite der nostalgischen Gänsehautmusik hervorholt, ist betörend und beklemmend zugleich. Er wehre sich gegen jedes Spezialistentum, sagt der Musiker. «Mein Ziel ist stets, die Geheimnisse zu ergründen, die zwischen den Notenzeilen stecken.»

Für viele war es eine der letzten öffentlichen Begegnungen mit dem Berner Musiker. Am Montag wurde bekannt, dass Thomas Füri am Sonntag gestorben ist. Viel zu früh. Und genau einen Tag nach seinem siebzigsten Geburtstag. (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2017, 22:47 Uhr

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