Eine kleine Sensation unter dem Hammer

Im Zürcher Auktionshaus Koller wird eine Musikhandschrift von Felix Mendelssohn versteigert – mit drei Stücken aus Bachs «Matthäus-Passion», die er 1829 aus der Vergessenheit geholt hatte.

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«Besonders wertvoll!» steht in zierlicher Tintenschrift auf der Etikette – und dies zu Recht: Schlägt man den dunkelgrünen Deckel des Heftes auf, findet man zwei Arien und ein Rezitativ aus Bachs «Matthäus-Passion», die Felix Mendelssohn als blitzsauberen Klavierauszug notiert hatte.

Das Heft war ein Geschenk für die Schwester des Theologen und späteren Mendelssohn-Librettisten Julius Schubring. Der damals 21-jährige Mendelssohn besuchte die Familie im Frühling 1830 in Quellendorf bei Dessau; er hatte eben erst die Masern überstanden und startete nun eine Reise, die ihn durch halb Europa führte. Dass er den Schubrings ausgerechnet Stücke aus der «Matthäus-Passion» mitbrachte, war wohl kein Zufall: Ein Jahr zuvor hatte er das lange vergessene Werk aus der Versenkung geholt – und damit nicht nur in den Kirchen, sondern auch in den bürgerlichen Stuben und Salons ein eigentliches Bach-Fieber ausgelöst.

Hartnäckige Grossmutter

Mendelssohn selbst hatte die «Matthäus-Passion» bereits als Teenager entdeckt, in der Bibliothek seines Lehrers Carl Friedrich Zelter, der seine Bach-Partituren eifersüchtig hütete. Dass Zelter diese Abschrift einst bei einem Käsehändler erstanden hat, der sie als Einwickelpapier verwendete, dürfte ins Reich der Legenden gehören. Sicher ist aber, dass sie eine Rarität war, nicht publiziert, nur in einzelnen Kopien überliefert. Ausleihen kam zu Mendelssohns Enttäuschung nicht infrage.

Aber er hatte eine gut vernetzte und ziemlich hartnäckige Grossmutter, Bella Salomon: Sie schaffte es, eine Abschrift des Werks anfertigen zu lassen. So bekam Mendelssohn seine eigene «Matthäus-Passion», entweder zu Weihnachten 1823 oder ein paar Wochen später zu seinem 15. Geburtstag. Und er steckte mit seiner Begeisterung auch seine Freunde an: Schon bald traf man sich im Hause Mendelssohn an der Leipziger Strasse 3 in Berlin, um Choräle zu üben. 16 Sängerinnen und Sänger waren dabei, darunter Julius Schubring und der Schauspieler Eduard Devrient, der bei der Aufführung 1829 den Christus singen sollte und den berühmtesten Satz zur Wiederentdeckung dieses Meisterwerks prägte: «Dass es ein Komödiant und ein Judenjunge sein müssen, die den Leuten die grösste christliche Musik wiederbringen!»

Die «Matthäus-Passion» ohne Mendelssohns Eingriffe. Video: Youtube

Am 11. März 1829 dirigierte der «Judenjunge» Mendelssohn in der Berliner Singakademie die erste Aufführung des Werks seit rund hundert Jahren. Neben den Solisten kam ein 158-köpfiger Riesenchor zum Einsatz, dazu ein Orchester, in dem vor allem Amateure der kurz zuvor gegründeten Philharmonischen Gesellschaft spielten. Nur die Stimmführer der Streicher und einige Bläser hatte man aus der königlichen Kapelle geholt.

So eifrig man sich musikalisch vorbereitet hatte, logistisch haperte es. Viel zu viele Karten waren verkauft worden, rund tausend Berliner mussten wieder nach Hause geschickt werden. Wer bleiben durfte (neben dem preussischen König unter anderem Friedrich Hegel, Heinrich Heine und Rahel van Varnhagen), war begeistert. Schon bald setzte man Wiederholungsaufführungen an: Die Bach-Renaissance war in Gang gekommen – und damit eine Bewegung, die den Musikbetrieb bis in die Gegenwart prägt.

So etwas würde längst kein Dirigent mehr wagen.

Allerdings hat Mendelssohns Bach zweifellos anders geklungen als die Aufführungen, die wir heute hören. Ihm war klar, dass die «Matthäus-Passion» eine Herausforderung für seine Zeit­genossen sein würde; also passte er sie, wie damals üblich, den veränderten Hörgewohnheiten an. Das hiess vor allem: Er kürzte das rund zweieinhalbstündige Original um zehn Arien, vier Rezitative und sechs Choräle – so etwas würde längst kein Dirigent mehr wagen.

Aus Mendelssohns kompletter Partitur, die heute in Oxford liegt, lassen sich noch weitere Eingriffe ablesen: So hat er die Rezitative, die er selbst am Flügel begleitete, teilweise anders harmonisiert als Bach – weil in seiner Bach-Abschrift die Bezifferungen fehlten und er damit auf eigene Ideen angewiesen war. Auch die Instrumentation in den Arien hat er angepasst, etwa indem er die ausser Gebrauch geratenen Oboe d’amore und Oboe da caccia durch Klarinetten ersetzte. Zudem hat er mit vielen Details in der Artikulation den emotionalen Gehalt des Werks zu betonen versucht.

Das Besondere an diesem Heft

Dieses Bemühen, die barocke Vorlage für den Gefühlshaushalt des frühen 19. Jahrhunderts einzurichten, spiegelt sich auch im Klavierauszug für die Schubrings. So hat Mendelssohn in der Arie «Ach, wo ist mein Jesus hin?» den Anfang mit Schwelltönen auf jeder Silbe versehen: Nicht schlicht, sondern dramatisch sollte das klingen. Auch im Rezitativ «Du lieber Heiland, du» und in der Arie «Buss und Reu» sorgte er mit Vortragszeichen für eine plastische Darstellung – und dafür, dass den musikalisch gebildeten, in Sachen Barock aber unerfahrenen Interpreten der Einstieg in diese Musik leichterfallen sollte.

Das ist das Besondere an diesem Heft: Einerseits ist es ein seltenes Zeugnis der Bach-Renaissance. Andererseits auch eines für die Tradition der Hausmusik, die vor der Erfindung des Plattenspielers so wichtig war. Dass Mendelssohn und die Schubrings das Manuskript damals vor 187 Jahren gleich eingeweiht haben, davon kann man ausgehen.

Man wäre gern dabei gewesen. Und ebenso gern hätte man dieses Heft im eigenen Büchergestell. Aber das einstige Mitbringsel ist längst ein Fall für den Tresor, der künftige Besitzer wird es wohl hüten wie damals Carl Friedrich Zelter seine Bach-Abschriften. Es bleibt der Auktionskatalog mit den Reproduktionen der Seiten, dank dem die Existenz dieses Heftes überhaupt erst publik wurde: Genug für einen faszinierenden Einblick in eine längst vergangene Zeit.

Auktion bei Koller Zürich, Hardturmstrasse 102, am 1. April, ab 14 Uhr. www.kollerauktionen.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 23:22 Uhr

Andreas Terwey vom Auktionshaus Koller

«Wir starten mit 120'000 Franken»

Wie kam dieses Manuskript nach Zürich?
Felix Mendelssohn hat es 1830 der Familie Schubring in Quellendorf bei Dessau geschenkt, bei der er zu Besuch war – und mit der er zweifellos musiziert hat. Was danach passiert ist, lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren; lange scheint das Heft in Familienbesitz geblieben zu sein, auch noch während DDR-Zeiten. Auf dem Innendeckel haben sich diverse Generationen von Besitzern sowie deren Angehörige und Bekannte verewigt, der jüngste Eintrag datiert von 1971. Irgendwann nach der Wende wurde das Heft in die Schweiz verkauft, an einen Sammler, mit dem wir immer wieder zusammenarbeiten.

Und der kann es weggeben?
Er trennt sich immer wieder mal von einzelnen Stücken, ja.

Wer kauft ein solches Manuskript?
Das wüsste ich auch gern! Wir haben einerseits Institutionen im Blick, andererseits gibt es überall auf der Welt Privatsammler, denen so etwas sicher auffällt. Seit man sich per Internet informieren und online mitbieten kann, sind Auktionen eine globale Angelegenheit.

Das heisst, Sie werden jetzt aus allen Ecken der Welt bestürmt?
Nein. Es haben sich einige Musikwissenschaftler und Musiker gemeldet, die sich das Heft einmal anschauen wollten – so etwas bekommt man ja nicht alle Tage in die Hände. Aber was den Markt anbelangt, sind Musikmanuskripte eine relativ kleine Nische. So wertvoll dieses Manuskript ist, es ist – etwa im Unterschied zu einer Skulptur von Jeff Koons – kein Spekulationsobjekt. Dafür interessieren sich sehr ernsthafte, fachkundige Leute, die genau wissen, was sie wollen. Dass jemand zufällig vorbeikommt, das Plakat für die Auktion sieht und spontan mitbietet, ist eher unwahrscheinlich.

Mit welchem Preis starten Sie?
Mit 120'000 Franken. Es ist das teuerste Objekt dieser Auktion. Wie weit der Preis dann steigen wird, dazu kann und soll man keine Prognosen stellen.

Weil Sie die Leute weder bremsen noch erschrecken wollen?
Auch weil es wirklich schwierig ist, die Dinge einzuschätzen. Wir werden oft überrascht, positiv oder negativ. Hier vermute ich allerdings schon, dass es ein beträchtliches Interesse gibt.

Aber Millionen werden nicht fliessen?
Im Bereich Bücher und Autografen war das teuerste Objekt, das wir je verkauft haben, eine «Cosmographia» aus Ingolstadt. Da stieg der Preis auf 660'000 Franken. Aber in solche Sphären kommt man in dieser Sparte nur sehr selten.

Der Berliner Historiker Andreas Terwey betreut beim Zürcher Auktionshaus Koller seit sechs Jahren den Bereich Bücher und Autografen. Interview: Susanne Kübler (Tages-Anzeiger)

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