Ein Sturm aus Leibern

Das Opernhaus Zürich ehrte William Forsythe, den grossen Erneuerer des Balletts.

In «Approximate Sonata» von William Forsythe necken sich die Tänzer und Tänzerinnen mal, mal flüchten sie voreinander. Foto: Gregory Batardon

In «Approximate Sonata» von William Forsythe necken sich die Tänzer und Tänzerinnen mal, mal flüchten sie voreinander. Foto: Gregory Batardon

Am Ende ist auch das Publikum atemlos. Zur rasenden Komposition von William Forsythes Hauskomponisten Thom Willems bewältigten die Tänzerinnen und Tänzer des Zürcher Balletts soeben einen Hindernislauf mit geradezu beängstigender Schnelligkeit und Präzision.

Letztere war auch nötig, denn zwischen ihnen standen 16 ebenso hartkantige wie rutschige Tische, so heimtückisch wie die Eisschollen am Pol, die den Choreografen zum Stück inspiriert haben. Auch die Musik klang dunkel und bedrohlich wie knackendes, brechendes, sirrendes Eis. Über, unter und zwischen den Tischen wirbelten die Tänzer und Tänzerinnen teils synchron, teils in aus der Masse herausstechenden Gruppen und Einzelaktionen. Angetrieben von einem geheimen Rhythmus und geleitet von einer chaotisch erscheinenden, aber minutiös ausgetüftelten Choreografie.

Balance ist etwas, das sich ständig verschieben lässt, Arme und Beine sind trügerische Stützen.

«Watch them watching»: Achten Sie darauf, wie sie sich gegenseitig beobachten! Diesen Tipp hatte William Forsythe dem Publikum zu seinem wahnwitzigen Tabledance aus dem Jahr 2000 anlässlich des Ballettgesprächs im Bernhard-Theater am 5. Januar gegeben. Und wer den Blicken der Tänzerinnen in der Aufführung folgt, ihre in den Raum gerufenen Kommandos hört, entdeckt in dem Sturm aus Leibern, Tischbeinen und Klang ein mathematisch exaktes Spiel mit Raum und Zeit.

Das Stück, das Forsythe nach dem Studium mehrerer Expeditionsberichte zum Südpol choreografiert hatte, beschliesst den neuen Ballettabend «Forsythe» am Opernhaus, der am Samstag Premiere hatte.

Der Abend beginnt, chronologisch korrekt, mit «The Second Detail» aus dem Jahr 1991. In hautenges Hellgrau gehüllte Tänzer – sechs Frauen und sieben Männer – teilen die ebenfalls hellgrau ausgekleidete Bühne in ständig wechselnde Aktionsräume. Es ist, als beobachte man einen Schwarm im Flug, in dem zwar immer nur ein Teil gemeinsam flattert, das Gebilde als Ganzes jedoch zur Einheit verschmilzt.

Wie ein Schwarm im Flug: «The Second Detail». Foto: Gregory Batardon

«Versuchen Sie, meine Ballette zu sehen, wie Sie ein Konzert hören würden», hatte denn auch Forsythe beim Ballettgespräch empfohlen: «Ein Konzert, bei dem die Tänzerinnen und Tänzer wie die Instrumente eines Orchesters den Raum erfüllen.» Diesen Instrumenten hat der Starchoreograf freilich neue Töne gegeben. Das Vokabular des neoklassischen Balletts erweitert er mit tänzerischen Kontrapunkten. Die Körper werden aus der Balance geworfen, Arme und Beine geknickt, die Torsi verdreht. Und doch bleiben – noch – die Spitzenschuhe, die hochfliegenden Beine, die virtuos gedrehten Pirouetten und eine Musikalität, die sich an die Komposition schmiegt, als wäre sie verliebt in jeden Ton.

Forsythe unter der Lupe

Das Mittelstück des Abends, die 1997 uraufgeführte und 2016 überarbeitete «Approximate Sonata», ist eine Studie über den Pas de deux. Vier Paare sind nacheinander zu entdecken, die wie unter der Lupe zeigen, was Forsythes Arbeit so besonders macht. Diese Pas de deux sind keine durchchoreografierten Abläufe, sondern Begegnungen.

Nie ist ganz klar, ob eine Intervention geplant war oder überraschend eingefügt wurde. Die Paare sind in konstantem Dialog miteinander: Mal necken sie sich, mal flüchten sie voreinander, dann wieder sinken sie sich vertrauensvoll in die Arme. Balance ist etwas, das sich ständig verschieben lässt, Arme und Beine sind trügerische Stützen und scheinen sich in der Unendlichkeit zu verlieren.

Der Forsythe-Abend gibt den Tänzerinnen und Tänzern des Zürcher Balletts nicht nur die Gelegenheit, ihr hohes technisches Niveau zu zeigen, sondern vor allem auch ihre grosse Musikalität und Entdeckungsfreude. Hervorgehoben seien insbesondere Elena Vostrotina und Anna Kahimza, die ungezähmte, siebente «Frau im weissen Kleid» im Eröffnungsstück.

So blieb als einziger Wermutstropfen der umjubelten Vorstellung, dass man am Ende den hervorragenden Interpretinnen und Interpreten der ersten beiden Stücke seine Bewunderung nicht zeigen konnte, weil neben Bill Forsythe, Thom Willems, Stephen Galloway (Kostüme) und den Ballettassistenten nur die Tänzerinnen und Tänzer des letzten Stücks zum Schlussapplaus erschienen.

William Forsythe: Er bringt die Unvorhersehbarkeit in den Tanz

Andere hätten sich an einer Gala feiern lassen, er arbeitete: Am 30. Dezember 2019, seinem 70. Geburtstag, probte William Forsythe im Ballettsaal des Zürcher Opernhauses die drei Stücke, die ihm zu Ehren wieder einstudiert wurden. Der unermüdliche Choreograf musste mit einem Geburtstagskuchen zum Arbeitsende fast gezwungen werden.

Sein Einfluss auf die Reprisen seiner Stücke ist gross, nicht zuletzt, weil Forsythes Werke so individuell auf die Tänzerinnen und Tänzer zugeschnitten sind, dass sie zum Teil gar nicht mit anderen rekonstruiert werden können. Ein weiteres Merkmal seiner wegweisenden Arbeiten ist, dass sie nicht nur das Publikum, sondern auch die Tänzer und Tänzerinnen konstant überraschen. William Forsythe gilt auch deshalb als grosser Erneuerer des Balletts, weil er die Unvorhersehbarkeit in den Tanz brachte.

Klassische Choreografien bestehen aus festgelegten Abfolgen; bei Forsythe sah phasenweise keine Aufführung so aus wie die andere. Es ging so weit, dass er von Vorstellung zu Vorstellung wechselnde Anweisungen in die Kulissen hängte, an denen sich die Tänzer zu orientieren hatten. Das sei allerdings nur möglich gewesen, betont er, weil seine Kompanie zu jeder Zeit das ganze Bewegungsvokabular präsent hatte, das während der Proben erarbeitet worden war.

Oft im Kino

Mit Zürich ist Forsythe eng verbunden. Nicht nur, weil er in seiner Stuttgarter Zeit oft hierherkam, um im Kino Filme in Originalversion zu sehen, wie er vor drei Jahren in einem Interview verriet, sondern auch, weil seine frühere Frau Eileen Brady am Opernhaus als Solistin auftrat und mit den Kindern hier lebte. Zusammen mit Brady war der Amerikaner 1973 nach Europa gekommen. Als Tänzer und Hauschoreograf am Stuttgarter Ballett schuf er ab 1976 seine ersten international erfolgreichen Stücke. Weltberühmt wurde er aber als Direktor des Frankfurter Balletts (1984–2004), mit dem er den klassischen Tanz in alle Richtungen weiterentwickelte.

2004 kündigte er wegen drastischer Budgetkürzungen seinen Direktorenposten in Frankfurt und leitete dann zehn Jahre lang die kleinere und noch experimenteller arbeitende Forsythe Company, deren Arbeiten auch im Zürcher Schiffbau zu sehen waren.

Später entwickelte Forsythe Installationen, die sich gänzlich dem Bühnentanz entzogen. So hängte er beispielsweise Ringe in einen Raum und forderte das Publikum dazu auf, diesen zu durchqueren, ohne den Boden zu berühren – und so Teil des «Choreographic Object» zu werden. Seit einigen Jahren lebt er wieder in den USA und lehrt an verschiedenen Universitäten.

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