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Ein mutiges Unterfangen

Atemberaubende Lockerheit: Der Geiger Frank Peter Zimmermann trat mit dem Berner Symphonieorchester im Kursaal auf.

Der Geiger Frank Peter Zimmermann begeistert die Zuhörer im Kursaal mit seiner Leichtigkeit. (Symbolbild)
Der Geiger Frank Peter Zimmermann begeistert die Zuhörer im Kursaal mit seiner Leichtigkeit. (Symbolbild)
Franziska Scheidegger (Archiv)

Zum Glück gibt es ihn gleich dreimal zu geniessen: Nach Schumanns Fantasie und den überleitenden Worten von Mario Venzago, dem Chefdirigenten des Berner Symphonieorchesters (BSO), kehrt der Geiger Frank Peter Zimmermann zurück aufs Parkett – und packt ein ganz anderes Arsenal an Geigentönen aus. Sekundiert wird er für Hindemiths Kammermusik Nr. 4 von einem schon optisch kaum wiederzuerkennenden BSO. Zusammengerückt sind die noch rund 25 Musikerinnen und Musiker, die Basstuba gesellt sich zu den tiefen Streichern rechts des Dirigenten, gegenüber amtet der Schlagzeuger, die Geigen sind abwesend.

Plastische Bilder

Wie Schumanns sinfonische a-Moll-Miniatur spielt Zimmermann auch Hindemiths haarsträubend anspruchsvolle Partitur mit der Lockerheit, die es ihm erlaubt, das zu tun, womit er das Publikum in Atem hält: Er setzt Akzente, die für Spannungsbögen über Sätze hinweg sorgen, wodurch das vielschichtige, mitunter schräge Material ungeheuer kohärent wird. Zudem wartet Zimmermann mit einem unaufdringlich warmen, nuancierten Klangvokabular auf, das während Schumanns kontrastreicher Fantasie, aber auch im «Nachtstück», dem Zentrum von Hindemiths Komposition, sowie in deren gemäss Satzbezeichnung «so schnell wie möglich» gespieltem Schlusssatz äusserst plastische Bilder entstehen lässt.

Es ist ein mutiges Unterfangen, diese beiden Werke unmittelbar nebeneinander zu platzieren, und der Mut zahlt sich aus. Denn auch das BSO meistert den Sprung vom romantischen Schumann zum streckenweise ironisierenden Hindemith, vom Sinfonieorchester zum fragil besetzten Kammerensemble mit Selbstverständlichkeit; die Flöten- und Klarinettenpaare dialogisieren verspielt mit dem Solisten, die Trommel- und Tubaeinwürfe überraschen. Venzago hält das komplexe Gefüge mit gewohnt klarer Vision zusammen. Nur an wenigen Stellen scheint Zimmermann seinen Kollegen davonzueilen. Was freilich längst vergessen ist, wenn als Zugabe eine aberwitzige Violinbearbeitung von Rachmaninows g-Moll-Prélude durch die Arena wirbelt.

Geschickte Umklammerung

Gerahmt wird das geigerische Gastspiel von zwei weiteren klug gewählten Programmpunkten. Den fast unhörbaren Anfang macht Mendelssohns Konzertouvertüre «Meeresstille und glückliche Fahrt», die mit gleissenden Streichern, breiten Klangflächen und teils düsteren Harmonien ein unbewegtes Gewässer innert Sekunden evoziert – eine aus Sicht des Schiffers in Goethes zugrunde liegendem Gedicht beängstigende Vorstellung. Erlösung folgt auf den Fuss in den vitalen Bewegungen der zweiten Stückhälfte. Geradezu beschwingt gibt sich nach der Pause zunächst auch die dritte Sinfonie von Johannes Brahms in tänzelndem Metrum, dem allerdings weit nachdenklichere Passagen gegenüberstehen, besonders der melancholische dritte Satz.

Dennoch: Leichtigkeit dominiert die Art und Weise, wie Brahms seine Ideen umsetzt und wie das BSO diese Umsetzung interpretiert. Am Ende des teils markant synkopierten Finales verklingt das Werk im unerwarteten Piano und entsinnt sich damit in geschickter Umklammerung des Konzertbeginns.

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