Ein Hauch von Apokalypse

Mutiges Programm, zwiespältiges Resultat: Unter dem Titel «Verlorene Seelen» dirigierte Heinz Holliger im Kultur-Casino Werke von Schumann und Schönberg.

Heinz Holliger dirigiert Werke Schumanns und Schönbergs im Berner Kulturcasino.

Heinz Holliger dirigiert Werke Schumanns und Schönbergs im Berner Kulturcasino.

(Bild: Franziska Rothenbühler (Archiv))

Robert Schumanns selten aufgeführte «Manfred»-Musik mit Arnold Schönbergs expressionistischem Monodram «Erwartung» zu kombinieren, ist ebenso mutig wie sinnfällig. Wo Schumanns eigenwillige Byron-Vertonung mit ihrer Schauer- und Naturmotivik quasi die Quintessenz romantischer Ausdruckskunst abbildet, entgrenzt Schönbergs Operneinakter jene Ästhetik der Seelenspiegelung zum psychoanalytischen Horrortrip. Schönberg schuf das epochale Werk für Singstimme und gross besetztes Orchester in einem wahren Schaffensrausch, und ebenso rauschhaft klingt diese frei mäandrierende Musik.

Störende Szenerie

Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Heinz Holliger bringt Schönbergs Partitur im Kultur-Casino zum Leuchten. Mit hoher Präzision stürzt sich das Orchester in die eruptiven Passagen des Werks und findet auch für die irisierenden Piani einen zauberhaft entrückten Klang. Magdalena Anna Hoffmann singt den Part der nächtens im Wald umherirrenden Frau mit virtuoser Hingabe und beeindruckender Klarheit. Dass sie dabei über weite Strecken der Aufführung hinter das Orchester verbannt ist, führt leider dazu, dass ihre Stimme zuweilen im Tosen des Orchesters unterzugehen droht.

Ohnehin erweist sich die szenische Einrichtung durch Xavier Zuber eher als störend. Konstantina Dachevas imposanter Bühnenaufbau samt umgestürzter Säule versprüht zwar einen Hauch Apokalyptik, die Szenerie wird aber nicht wirklich genutzt. Die Inszenierung besteht lediglich darin, dass sich die Solistin mit einem hinterherhinkenden Lichtspot durch die Galerie Richtung Bühne hangelt, was eher den Anschein einer Zirkusnummer mit dem Titel «Zuschauerin findet Sitzplatz nicht» erweckt. Die Musik erzählt zum Glück eine andere Geschichte.

Agogisch zerdehnt

Den zweiten Teil des Abends bildet Schumanns «Manfred». Schumann schuf zu Lord Byrons epischer Dichtung ein Werk für Sprecher, Chor und Orchester, das sich zwischen Oratorium, Melodram und Schauspielmusik bewegt. Das BSO spielte diese aufwühlende Musik mit viel Inbrunst, und auch der Chor von Konzert Theater Bern sorgte für stimmungsvolle Momente.

Nur leider hatte sich Heinz Holliger vorgenommen, die Musik dergestalt agogisch zu zerdehnen, dass er dabei den musikalischen Fluss und zuweilen das Zusammenspiel ramponierte. Dieser Schumann atmete nicht, und so vermochte sich auch der dramaturgische Bogen der Komposition nicht zu erfüllen. Zusammengehalten wurde die Aufführung vom deutschen Schauspieler Thomas Thieme. Dieser hauchte dem Protagonisten, mit wohldosierter Intensität und einer ergreifend brüchigen Stimme, Leben ein und öffnete mit der Kraft seiner Rezitation das Tor zum Reich der verlorenen Seelen.

Der Bund

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