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Die wasserfeste Oper

Die Zigeuner erklettern sich ihre Freiheit, und die Schmuggler kommen im Boot: Die Seebühne ist auch in dieser Saison der Star der Festspiele in Bregenz.

Aus Sicherheitsgründen müssen die Protagonisten auf der Seebühne schwimmen können: Szene aus «Carmen». Foto: Karl Forster (Bregenzer Festspiele)
Aus Sicherheitsgründen müssen die Protagonisten auf der Seebühne schwimmen können: Szene aus «Carmen». Foto: Karl Forster (Bregenzer Festspiele)

Den Effekt mit dem künstlichen Regen hat man ja kaum bemerkt am Premierenabend dieser «Carmen»; der echte Regen war stärker. Aber sonst hat das Bühnenbild alle Erwartungen erfüllt: Die Zigarette zwischen den Riesenfingern der Carmen hat geglüht und geraucht; ihre Karten haben sich dank raffinierten Videoprojektionen gedreht, als seien sie echt; und das Feuerwerk konnte beinahe mithalten mit den realen Blitzen, die dramaturgisch verblüffend sinnig auf den Bodensee niedergingen.

Die Bregenzer Techniker haben wieder einmal gezeigt, was sie können. Und sie haben dafür gesorgt, dass die Seebühne ganz im Einklang mit der Tradition dieser Festspiele der unumstrittene Star des Abends war. Erfunden hat sie diesmal die Engländerin Es Devlin, die nicht nur in Opernhäusern wieder Scala oder der Wiener Staatsoper gefragt ist, sondern auch schon für Adele, Beyoncé oder U2 Bühnen entworfen hat. Carmens Hände, die sie 21 respektive 18 Meter aus dem See ragen lässt, sind ihre eigenen, 3-D-gescannt und x-fach vergrössert. Aus Stahl, Holz und Styropor sind sie gebaut, jede Hand ist aus rund 190 Teilen zusammengesetzt und mit Leitern, Kabeln und Lautsprechern gefüllt.

Entflammbar und wasserfest

Auch die Karten, die dazwischen wie zufällig in die Luft geworfen wirken, sind Wunderwerke der Technik. 30 Quadratmeter gross ist jede, zweieinhalb Tonnen schwer, wintersicher und je nach Position auch rutschfest, entflammbar und wassertauglich. Bemalt wurden sie gleich zweimal, weil der Bühnenbild­nerin der perfekte erste Anstrich nicht gefiel: Sie wollte die Karten nicht neu, sondern gebraucht, abgegriffen, mit Rissen und Knicken – passend zum ab­gesplitterten Nagellack auf Carmens Riesenfingern.

Dass die Herausforderungen für die Sängerinnen und Sänger hier andere sind als in einem Opernhaus, versteht sich von selbst. Sportlich und erkältungsresistent sollten sie sein, auch schwimmen müssen sie können, aus Sicherheitsgründen. Und zumindest die Micaëla (in der Premiere verkörpert von Elena Tsallagova) muss schwindelfrei sein: «Im Grunde meines Herzens sterbe ich vor Schrecken» singt sie hoch oben auf dem linken Daumen des Bühnenbilds – die meisten Sängerinnen würden den Text hier nicht nur auf den Inhalt der Geschichte beziehen.

Auch sonst wird viel geklettert an diesem Abend. Die Zigeuner suchen ihre Freiheit im dritten Akt gern auf den höchsten Karten, gut gesichert natürlich, aber man sieht trotzdem, wie es windet dort oben. Winzig wirken sie, auch das gehört zu einer Aufführung auf der Bregenzer Seebühne; optisch können nur die knalligsten Kostüme und die opulentesten Massenszenen die Aufmerksamkeit vom Bühnenbild auf das Bühnengeschehen lenken.

Warum sie lieben, hassen, töten, das ist egal; Hauptsache, sie tun es spektakulär.

Regisseur Kasper Holten hat seine Energien denn auch dort konzentriert, wo es sich lohnt. Er erzählt die auf zwei Stunden gestraffte Geschichte der Carmen ohne interpretatorische Ambitionen und in ziemlich groben Zügen. Nicht die psychologischen Feinzeichnungen der Figuren interessieren ihn, sondern ihre emotionalen Extremzustände. Warum sie lieben, hassen, töten, das ist egal; Hauptsache, sie tun es spektakulär.

Das bedeutet in diesem Fall auch: nahe am und manchmal auch im Wasser. Die schönste Choreografie ist jene, bei der die liegenden Karten langsam in den See abgesenkt werden und die Tänzerinnen und Tänzer sich in eine ful­minante Spritzerei steigern. Auch die Schmuggler kommen selbstverständ­-lich in Booten daher. Und Carmen (in der Premiere: Gaëlle Arquez) wird nicht nur vom Regen nass: Auf ihrer Flucht springt sie respektive ihr Stunt-Double in den See – und Don José (Daniel Johansson) braucht für einmal kein Messer, um sie zu töten.

Die Musiker im Trockenen

Dass dieser Mord in schönstem Einklang mit dem Orchestergeschehen passiert, ist ein weiteres Bregenzer Kunststück. Denn das Festspiel-Orchester spielt seit 2005 im Trockenen, im Festspielhaus. Die Sänger hören die Musik nur über Kopfhörer, den Dirigenten Paolo Carignani sehen sie auf diversen Bildschirmen; umgekehrt hört und sieht auch der Dirigent seine Protagonisten nur in der Übertragung.

Erst recht kompliziert wird das, wenn auch die Zuhörer auf allen 7000 Plätzen den Gesang und die Musik synchron, in ausgewogener Balance und aus der richtigen Richtung hören sollen. Hunderte von Lautsprechern sind um das Areal und im Bühnenbild platziert; wenn sich die Sänger bewegen, bewegt sich ihre Stimme mit ihnen. Dass das nicht selbstverständlich ist, merkt man erst, als Carmen einmal für ein paar Takte doppelt zu hören ist.

Natürlich: Die gestalterischen Nuancen einer «normalen» Aufführung erreicht man hier nicht; vor allem in den Ensembles stösst die Technik an ihre Grenzen, und trotz der Kürzungen (vor allem in den Schmugglerpassagen) zieht sich die eine oder andere Szene. Aber im Vergleich zu anderen Open Airs holt sich Bregenz allemal Gold. Es sind leise Töne möglich hier, auch die Sänger und vor allem die Sängerinnen gestalten durchaus innig. Musikalisch sind die schönsten Momente jene, in denen das Spektakel Pause hat.

Knisternder Applaus

Und zweifellos wäre alles noch viel schöner gewesen ohne Regen. Für die Protagonisten, die sich von den widrigen Umständen erstaunlich wenig beeindrucken liessen. Und auch fürs Publikum, das in den rasch noch für einen Euro gekauften Plastikpelerinen auf den Hartschalensitzen ausharrte, die Musik vermischt mit Getröpfel hörte – und am Ende knisternd applaudierte.

Carmens Riesenhände applaudierten nicht mit. Sie bleiben nun für zwei Sommer, wie sie sind, werfen Karten in die Luft, die ein längst besiegeltes Schicksal verraten, und werden Hunderttausende von Gästen nach Bregenz locken. Viele Aufführungen in diesem Sommer sind bereits ausverkauft. Und während in den Schaufenstern der Stadt überall Karten liegen und hängen, wird irgendwo bereits am «Rigoletto»-Bühnenbild herumgetüftelt, das bei der nächsten Seepremiere im Sommer 2019 enthüllt wird. Wie es aussieht, ist im Moment noch streng geheim. Aber man kann schon mal davon ausgehen, dass es spektakulär sein wird.

TV-Übertragung der «Carmen» auf SRF 2: heute Freitag, 21.15 Uhr.

Als zweites Stück der Bregenzer Festspiele wird im Festspielhaus Rossinis «Mosé in Egitto» gespielt.

www.bregenzerfestspiele.com

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