Die Vermessung der Stille

Langer, aber brillanter Abend im Berner Kultur-Casino: Yuja Wang, Sir Antonio Pappano und das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia.

Das Italienische Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia.

Das Italienische Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia. Bild: zvg

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Wer medial nach Yuja Wang fahndet, findet irritierend viele Hinweise auf das Äussere der Pianistin; besonders Schuhe mit hohen Absätzen und knappe Kleider scheinen erstaunliches Interesse zu generieren. Dabei: Wer so Klavier spielt, mag dies auf High Heels tun oder barfuss, im Pyjama oder Festgewand – es ist schlicht unerheblich. In Bern an den Migros-Classics vermisst Wang die Stille; ihre feinst schattierten Piani in Tschaikowskys berühmtem Konzert sind von exquisiter Klarheit. Zwar wuchtet die Solistin an mancher Stelle ihre Akzente mit viel Pedal in den Saal, jagen sie und ihre Begleiter durch kolossale Crescendi. Doch die pompösesten Orchesterbrocken, die romantisches Pathos geradezu provozieren, wirken in Pappanos umsichtiger Lesart erstaunlich gelassen.

Unentrinnbarer Sog

Davon profitieren die Zwischentöne, die Wang von ihrem Instrument mit nonchalanter Selbstverständlichkeit erschmeichelt. Der Dirigent zähmt den sinfonischen Riesen wiederholt im Handstreich, bis einzig seidenste Streicher verbleiben, und erzeugt eine vibrierende Spannung, die Wang durch ihre eruptiv zerklüftete Kadenz und das frisch gestaltete «Prestissimo» im Mittelsatz trägt. Das tumultuöse Finale, jeglicher Romantizismen entledigt, entwickelt einen unentrinnbaren Sog, emotional dringlich, doch mit einer Leichtigkeit hingezaubert, die einem den Atem nimmt. Und nach drei Zugaben – dem traurig spinnenden «Gretchen», einer irren «Alla Turca» und nicht minder wahnsinnigen «Carmen»-Variationen nach Horowitz – ist das Publikum ausser Rand und Band; ein an diesem Ort seltenes Ereignis.

Wangs Auftritt findet sich komfortabel zwischen zwei unterschiedlichste römische Impressionen gebettet. Charmant führt Pappano zu Beginn in Richard Dubugnons «Caprice Romain» ein, bevor er und seine Kollegen in Anwesenheit des Komponisten mit viel Lust, Verve und Witz eine turbulente, ausgefuchst polyrhythmische Klangmalerei veranstalten, die das unglaublich evokative Werk aus der Taufe hebt.

Streckenweise dick aufgetragen

Wie Dubugnon sorgt nach der Pause auch Respighi mit seinen «Fontane e Pini die Roma» für musikalisch grundiertes Kopfkino, allerdings nach klar definiertem Programm und streckenweise gar dick aufgetragen. Die Nadelbäume überzeugen dabei insgesamt mehr als die Brunnen, die Visionen sind stärker, ihre Umsetzungen wirksamer.

Doch mit den Nachtigallen ab Tonband erreicht der Kitsch einen singulären Höhepunkt, und der antikisierend gemeinte Heroismus wird einem am Ende arg aufs Ohr gedrückt. Wie erlösend deshalb, dass Rossinis «Wilhelm Tell»-Ouvertüre als letztes, augenzwinkerndes Supplement den langen Abend leichtfüssig beschliesst. (Der Bund)

Erstellt: 05.05.2017, 06:50 Uhr

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