Das Paradies in der Unterwelt

John Eliot Gardiner macht auf seiner Monteverdi-Tour beim Lucerne Festival halt. Auch mit einem fast zu schönen «Orfeo».

John Eliot Gardiner zeigt in Luzern einmal mehr, wie souverän er Grossprojekte organisieren, vermarkten und dann auf höchstem Niveau durchführen kann. Fotos: PD

John Eliot Gardiner zeigt in Luzern einmal mehr, wie souverän er Grossprojekte organisieren, vermarkten und dann auf höchstem Niveau durchführen kann. Fotos: PD

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Für einmal befindet sich das Paradies in der Unterwelt. Wie da Pluto (Gianluca Buratto) mit seinem tödlichen Bass jedes Licht wegsingt! Wie seine Gattin Proserpina (Francesca Boncompagni) ihn bezirzt, bis er nachgibt und den trauernden Orfeo zur toten Euridice lässt! Und wie das Orchester, das Claudio Monteverdi so farbenreich einzusetzen verstand, diesen dunklen, sinistren Ort bespielt! Tatsächlich, man möchte gar nicht mehr weg von hier.

Auch der Dirigent John Eliot Gardiner wäre offenbar gern länger geblieben; jedenfalls wählte er für seinen «Orfeo» im KKL auffallend bedächtige Tempi. Er konnte es sich leisten: Seine English Baro­que Soloists, sein Monteverdi Choir und die Protagonisten, die daraus hervor­treten, schafften es trotzdem, den Raum zu füllen und die Fast-nicht-Handlung dieser «favola in musica» zu beleben.

Dennoch hätte man sich zumindest hin und wieder mehr Tempo gewünscht – weil all die haarsträubenden Dissonanzen und die schmerzerfüllten harmonischen Brüche, mit denen Monteverdi Orfeos Tragödie 1607 vertont hat, ihre Wirkung verlieren, wenn man sie zerdehnt. Am Ende des Stücks dachte man deshalb gleichermassen beglückt und bedauernd, dass diese Musik wohl noch nie schöner geklungen hat als hier.

Lang ist es her, seit Nikolaus Harnoncourt in den 1970er-Jahren im Zürcher Opernhaus Monteverdi wieder auf die Bühnen geholt hat. Als Pionier hatte er damals die Pionierleistung der Werke betont: ihre Kühnheiten, auch die Härten. Heute ist Monteverdi längst wieder zum Klassiker geworden, und Gardiner präsentiert ihn zusammen mit einer eingeschworenen, stilsicheren Crew von Sängern und Musikern als solchen.

Augen zu, Ohren auf

Dabei zeigt er einmal mehr, wie souverän er Grossprojekte organisieren, vermarkten und dann auf höchstem Niveau durchführen kann. Schon mit den ­Bach-Kantaten hatte er das vorgeführt, die er unter dem Titel «A Pilgrimage to Bach» in ganz Europa präsentiert hat (viele der Konzertmitschnitte sind auch auf CD erschienen). Nun, in Claudio Monteverdis 450. Geburtsjahr, tourt er mit dessen drei erhaltenen Opern durch die Welt. In Bristol, Venedig, Salzburg und Edinburgh wurde der Zyklus bereits ­gespielt, in Aix-en-Provence und Barcelona gab es immerhin den «Ulisse»; und nach Luzern geht es weiter in die Städte Berlin, Breslau, Paris, Chicago und New York.

Wenn es ein Grossereignis gibt in diesem Monteverdi-Jahr, dann ist es also dieses – wobei das Jubiläum nur den Termin geliefert hat für etwas, das zweifellos schon lange auf Gardiners Wunschliste stand. Bereits als Kind hat er sich für Monteverdi begeistert, er hat seine Dirigentenkarriere mit ihm begonnen und seinen Chor nach ihm benannt. Dass dieses Projekt eine Herzensangelegenheit ist, hört man in jedem Takt.

Gardiner gründete den Monteverdi Choir 1964, um die Marienvesper des Namenspatrons in der King's College Chapel in Cambridge aufzuführen.

Leider sieht man es auch. Gardiner hat sich zusammen mit Elsa Rooke für einmal auch als Regisseur einer halbszenischen Bühnenfassung versucht; seine Frau Isabella war mitverantwortlich für die Kostüme. Und was immer die musikalische Gestaltung an Schönheit, Tiefe, Glanz ausstrahlt: Optisch wirkt es im besten Fall unbeholfen. Wenn die Hirtinnen in Abendkleid plus Blumenkranz und die mit vage archaischen Hemden bekleideten Hirten sich herzen oder zum Tänzchen auffordern, bleibt nur eines: Augen zu, Ohren auf. Und ja, in der Unterwelt ist es auch deshalb so schön, weil da alle nur schwarz angezogen sind und keine Idylle herbeizulächeln brauchen.

Kunstvoll und ungekünstelt

Auch Orfeo läuft hier zu grosser Form auf. Der polnische Tenor Krystian Adam gibt ihn – und er ist genau der Richtige für die Rolle des mythischen Sängers, der die Steine zum Weinen und die Operngeschichte zum Laufen brachte. So kunstvoll und klangschön er gestaltet, so ungekünstelt vermittelt er die Trauer, den Schmerz, die Wut über den Tod Euridices. Adams Orfeo ist ein Draufgänger, der auch ganz leise Töne kennt; ein hoffnungslos verliebter Hitzkopf, der sich in seine Ängste hineinsteigert, bis er sich trotz Plutos Verbot umdreht und Euridice endgültig verliert.

Der Auftritt der Euridice ist entsprechend kurz. Aber so, dass man sich darauf freut, Hana Blažiková in den anderen beiden Monteverdi-Opern als Minerva und Poppea wieder zu hören.

Fortsetzung des Monteverdi-Zyklus beim Lucerne Festival: 25. August, «Il ritorno d’Ulisse in patria»; 26. August, «L’incoronazione di Poppea»; Beginn jeweils um 18.30 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 18:46 Uhr

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