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Daniel Barenboims Zürcher Comeback

Der Stardirigent ist immer noch auch Pianist. In der Tonhalle Maag spielte er Beethoven.

Eigentlich wäre es ja ganz anders. Das «Largo e mesto», der langsame, traurige Satz aus Beethovens Klaviersonate Nr. 7, würde mit zwei tiefen Pianissimo-Tönen verstummen. Es gäbe eine Pause. Und dann würde munter und «dolce» und wie aus einer anderen Welt das Menuett einsetzen. Aber für Daniel Barenboim geht das eine ins andere über, die Melancholie und die Stille von vorher schwingen noch nach in den ersten Takten des Menuetts, erst allmählich erwacht der Tanz. Und man hört und denkt: Genau so muss es sein.

Es war der vielleicht schönste Moment in einem bemerkenswerten Konzert, seinem ersten in Zürich seit 12 Jahren. Bemerkenswert nur schon deshalb, weil Barenboim sich als viel beschäftigter, mittlerweile 76-jähriger Stardirigent nach wie vor an den Flügel setzt – im gelassenen Wissen darum, dass er rein technisch mit jüngeren Vollzeitpianisten kaum noch mithalten kann. Es stört ihn nicht, und es störte sehr zu Recht auch das Publikum nicht, das ihn in der Tonhalle Maag geradezu umzingelte: Jeder Platz war besetzt, selbst auf dem Podium hatten die Veranstalter der Meisterinterpreten-Konzerte noch vier Stuhlreihen untergebracht.

Vier Beethoven-Sonaten spielte Barenboim an diesem Abend, ohne Pause, als Teil einer zweijährigen Tournee, auf der er sich – einmal mehr –sämtliche Beethoven-Sonaten vornimmt. Seit über 60 Jahren beschäftigt er sich mit diesen Werken, oft hat er sie aufgeführt, mehrfach auch eingespielt, einzeln, in Gruppen, komplett. Da erstaunt es kaum, wenn es in diesem Konzert zwischendrin Passagen gab, die nach eingeschliffener Erfahrung klangen; dann überstürzten sich die Läufe, wurden die Bässe wolkig, zerriss ein seltsam robuster Triller ein feines Klanggespinst.

Aber es gab vor allem die anderen Momente, in denen Barenboim die Musik neu zu denken schien, in denen er einen hineinzog in ihre Entstehung und Entwicklung. Dann wuchs die Sonate Nr. 13 «Quasi una fantasia» wie von selbst aus einem schlichten Lied heraus, in der berühmten Nr. 27 öffneten sich Hinter- und Abgründe. Und in der «Waldstein»-Sonate konnte nicht einmal der herzliche Applaus nach dem ersten Satz die Spannung zerstören, die Barenboim hier aufbaute. Ohne Show, ohne jede Eitelkeit. Als Musiker aus Leidenschaft und innerer Notwendigkeit, der den Jubel danach fast ein bisschen verblüfft entgegennahm.

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