Betörendes Gruseln im Münster

Schaurig schön: Am Musikfestival Bern begeisterte Jannik Giger mit seiner Neuvertonung eines Klassikers der Filmgeschichte.

Geisterhafte Choräle, bedrohliche Crescendi: «Nosferatu» ist musikalisch meisterhaft gestaltet.

Geisterhafte Choräle, bedrohliche Crescendi: «Nosferatu» ist musikalisch meisterhaft gestaltet. Bild: zvg

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Kurz vor 22 Uhr bildet sich immer noch eine lange Schlange vor dem Portal des ohnehin schon rappelvollen Berner Münsters. Kein Wunder, Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker «Nosferatu – eine Symphonie des Grauens» aus dem Jahre 1922 live vertont von einem hochkarätig besetzten Ensemble und zu später Stunde im altehrwürdigen Münster-Gemäuer dargeboten – das darf man sich nicht entgehen lassen!

Als endlich die Lichter ausgehen und zur Titelsequenz die ersten Klänge das Mittelschiff durchfluten, findet man sich augenblicklich in jene unheilvoll mystische Welt des Murnau’schen Dracula-Epos versetzt. Ein tiefes Dröhnen, durchgeistert von verwischten Akkorden, bedrohliche Crescendi, ein abruptes Abreissen, Stille. Die Musik aus der Feder des jungen Basler Komponisten und Videokünstlers Jannik Giger entfaltet von Beginn weg einen ungeheuren Sog. Giger hat dabei keine Filmmusik im herkömmlichen Sinn geschaffen, vielmehr oszilliert seine Komposition zwischen stimmungsvoller Untermalung und reflektierendem Kommentar. Analog zu dieser mehrschichtigen Konzeption umfasst Gigers Partitur neben genau ausnotierten Passagen auch improvisatorische Momente und lässt die Interpretinnen und Interpreten mit einer geschickt verwobenen Tonbandspur interagieren.

Die kluge Anlage erlaubt es der Musik immer wieder, in den Vordergrund zu treten, ohne dabei die filmische Illusion zu stören. Die eingestreuten Zitate und wiederkehrenden tonalen Fragmente – geisterhafte Choräle und Versatzstücke romantischer Harmonik – vermitteln zudem gekonnt zwischen der Historizität der Filmvorlage und der klingenden Gegenwart.

Gigers Musik ist von berauschender Klangsinnlichkeit, ungemein präzis in der Instrumentierung und treffsicher in ihren Effekten. So gelingt es ihm, über die gesamte Spieldauer den Spannungsbogen zu halten. Wie er zum Schluss, wo sich Murnaus Handlung dramatisch zuspitzt, die Musik langsam ausklingen lässt, bis nur noch ein Rauschen übrig bleibt, ist schlichtweg meisterhaft. Gigers Score zeugt von seiner tiefen Kenntnis des Mediums und einer erfrischenden, eigenständigen Position unter den Vertretern der Neuen Musik.

Subtiler Dialog mit dem Film

Getragen wird der Abend nicht zuletzt vom Instrumentalensemble, das Gigers Musik famos umsetzt. Die vierzehn Musikerinnen und Musiker – neben dem Klavierduo Huber/Thomet und dem für den erkrankten Münsterorganisten eingesprungenen Ilya Voellmy sind es Mitglieder des Berner Symphonieorchesters, der Camerata Bern sowie Exponenten der freien Szene – begeistern durch exzellentes Zusammenspiel, feines Klanggespür und den subtilen Dialog mit dem filmischen Geschehen. Murnaus faszinierende Bildsprache, die bis heute wenig von ihrem Reiz eingebüsst hat, und die schaurig schönen Klänge wirken noch lange nach in dieser kühlen Septembernacht. (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2017, 06:52 Uhr

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