Begegnung mit einer Lichtgestalt

Die 76-jährige Pianistin Martha Argerich und ihr Pianistenkollege Sergei Babayan beschwören im Kursaal russische Komponisten.

Extraklasse: Martha Argerich.

Extraklasse: Martha Argerich. Bild: Archiv

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Erleichterung herrscht im Publikum, als Martha Argerich und Sergei Babayan mit einer Viertelstunde Verspätung in die Kursaal-Arena treten. Doch kaum sitzen die Pianisten-Ikone und ihr zwanzig Jahre jüngerer Klavierpartner einander gegenüber, beginnen ohne Vorwarnung die Flügel zu dröhnen. Ein apokalyptisches Szenario: Vier Hände schlagen unerbittlich wuchtige Akkorde in die Steinway-Bässe. Es klingt herb, garstig-rau, rhythmisch verstörend. So, als ob sich die Mühlräder des Schicksals unter Donnerrollen zu drehen beginnen. Das muss so sein. Denn zwischen diesen Rädern wird nicht frisches Korn, sondern die Liebe zermalmt. Der amerikanisch-armenische Pianist Sergei Babayan hat ein Dutzend Orchesterstücke aus Prokofjews Ballettsuite «Romeo und Julia» für zwei Klaviere transkribiert.

Entstanden ist ein fluoreszierendes Drama voller radikaler Leuchtkraft, das der Gestaltungsfreiheit der beiden Pianisten viel Raum zur Entfaltung gibt. Technisch auf Augenhöhe und mit viel Sinn für Effekt inszenieren Argerich und Babayan die zwölf Sätze. Man spürt die Lust, sich im Dialog zu inspirieren. Sie spielen sich die schnellen Tempi zu, verschmelzen in plastischen Rubati. Oder entziehen dem pianistischen Rumoren den Boden, dass im «Morgentanz» ein Destillat aus feinster Helligkeit bleibt. Das muss man können – allein zu zweit: einen donnernden Steinway mit zwanzig Fingern zum Flüstern bringen, dass er Klänge säuselt, die sich anhören als spiegle sich ein Lichtstrahl in lauter Tautropfen.

Kein Spielplatz für Experimente

In Mozarts virtuoser D-Dur-Sonate (KV 448) für zwei Klaviere wechseln Martha Argerich und Sergei Babayan mit ihren Plätzen auch die Klangwelt. Sie sitzen nun nebeneinander an zwei Instrumenten, Argerich, die schon längere Zeit keine Solo-Rezitale mehr gibt, ist im Hintergrund platziert. Dennoch bleibt sie die Lichtgestalt des Abends. Sie ist es in diesem Team, die den Kontakt zum Partner herzustellen sucht. Das ist auch nötig in diesem delikaten Werk, das im Unterschied zu Prokofjew keinen Spielplatz für Experimente bietet. Schon kleinsten Nuancen in der Koordination haben hier eine grosse Wirkung. Im Allegro con spirito ist die feinstoffliche Souplesse eher bei Argerich auszumachen, im Andante beeinträchtigt etwas viel Pedal die Transparenz.

Doch insgesamt überzeugt das meisterliche Duo, das nach Mozart wieder zu Prokofjew zurückkehrt. Babayan hat auch aus dessen Schauspielmusiken, der Filmmusik zu «Pique Dame» und der Oper «Krieg und Frieden» eine Suite für zwei Klaviere arrangiert.

Der Funke zündet. Die Klangpracht reisst das Publikum von den Stühlen. Nicht immer zeigt sich Argerich so grosszügig: Zusammen mit Babayan spielt sie zwei längere Zugaben (die «Barcarolle» aus der 1. Suite, sowie «Valse» aus der 2. Suite von Rachmaninow). Dass die phänomenale Pianistin nicht gerne über sich redet, überhaupt nicht über ihre Musik, weiss man und bedauert es oft. Doch nach diesem Konzertabend im Kursaal – der den Zusatz «Extrakonzert» mehr als verdiente – fragte man sich plötzlich: Warum sollte sie? Wenn sie wie hier eins wird mit dem, was sie spielt, gibt sie nicht nur Geheimnisse der Musik preis, sondern auch Wesentliches über sich selber. Das Geniale, Widersprüchliche, Abgründige, kindlich Verspielte – in diesem Konzert war alles da. Und vor allem die musikalische Empathie, die Argerich im Duo-Spiel auszeichnet. Barbayan brachte es einmal auf den Punkt: «Mit Martha zu spielen, macht dich besser als du bist.» (Der Bund)

Erstellt: 30.09.2017, 08:21 Uhr

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