Barenboims Heimspiel

Wenn der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim in seiner Geburtsstadt Buenos Aires auftritt, herrscht eine Stimmung wie im Fussballstadion. Eine Begegnung.

"Ich hab in Buenos Aires gelernt, was multiple Identitäten sind", meint Daniel Bareboim.

"Ich hab in Buenos Aires gelernt, was multiple Identitäten sind", meint Daniel Bareboim.

(Bild: AFP)

Gleich geht es los. Im Teatro Colón von Buenos Aires herrscht dieser faszinierende Sturm vor der Ruhe, wenn die Besucher ihre Plätze suchen und die Streicher den Kammerton. Gleich wird der Saal gefüllt sein, mit 2500 Menschen, die sich auf einen der Höhepunkte des diesjährigen Kulturkalenders freuen. Gemessen daran, dass sie alle seinetwegen gekommen sind, wirkt Daniel Barenboim im Umkleideraum Nr. 6 aufreizend entspannt. Er trinkt Apfelsaft und redet über Fussball, bevor er auf seine Kollegen Furtwängler, Toscanini, Erich Kleiber und Fritz Busch zu sprechen kommt, und wer in diesem ehrwürdigen Haus noch so alles vor ihm dirigiert hat.

Im Übrigen beschäftigt ihn die Frage, ob er sich noch einmal schnell umziehen soll. Nicht wegen des Auftritts, sondern weil sich gerade der Staatspräsident angekündigt hat. Mauricio Macri wird dem Konzertabend nicht beiwohnen können, er steckt im Wahlkampf, und hat im ganzen Land Termine. Aber es war ihm offenbar ein Anliegen, den Protagonisten des Abends persönlich zu begrüssen, bevor es losgeht. Macri, wird es später heissen, habe für diesen Kurzbesuch in der Umkleide Nr. 6 eigens eine Wahlkampfreise unterbrochen. Für einen Handschlag und ein paar warme Worte. Barenboim ist eben nicht nur ein berühmter Dirigent und Pianist, sondern auch ein weltberühmter Argentinier. Geboren 1942 in Buenos Aires.

In dieser Stadt hat er mit sieben Jahren sein erstes Klavierkonzert gegeben. In der kleinen Sala Bayer, die heute nicht mehr existiert. «Wahrscheinlich, weil ich so schlecht gespielt habe, dass sie zumachen mussten», sagt Barenboim mit dem Lachen eines Mannes, der weiss, dass alle wissen, dass es natürlich ganz anders war. Der kleine Daniel, Sohn eines Musiklehrer-Ehepaars, galt als Wunderkind. Er verzückte das Publikum mit Haydn, Prokofjew, Debussy und nach sieben Zugaben wehrte er die achte mit den Worten ab: «Tut mir leid, ich habe jetzt alles gespielt, was ich kann.» So hat ihm das seine Mutter erzählt.

Die jüdische Familie zog drei Jahre später nach Tel Aviv, von dort aus eroberte Barenboim die Musikwelt. Seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und lebt in Berlin. Argentinien aber, dieses sentimentale Land ganz unten links auf der Weltkarte, ist seine Heimat geblieben. «Ich fühle mich überall wohl auf der Welt. Gleichzeitig zu Hause, aber immer auch als ein sehr willkommener Ausländer. Hier in Buenos Aires bin ich kein Ausländer.»

«Die Art der Komplimente ist ganz anders»

Das sagt er in der Konzertpause, zwischen Schostakowitschs Konzert für Piano und Trompete und Maurice Ravels Suite «Meine Mutter, die Gans». Schon nach dem Schostakowitsch herrscht im Colón eine Stimmung wie im Fussballstadion. Die Leute geben erst Ruhe, nachdem sich Barenboim mit der ebenfalls in Buenos Aires geborenen Pianistin Martha Argerich gemeinsam an den Flügel gesetzt hat. Sieben Zugaben werden es diesmal nicht, aber immerhin eine noch vor der Pause.

Der Musiker Barenboim wurde fast überall, wo ihn seine Karriere hinführte, mit so viel Lob überhäuft, dass es kaum zu ertragen ist. Aber nirgendwo, das sagt er selbst, ist die Zuneigung so zärtlich wie in Buenos Aires. «Die Art der Komplimente, die ich hier bekomme, ist ganz anders. Jemand hat mir mal gesagt: Sie repräsentieren, was wir gerne sein wollen.»

Das Colón ist 110 Jahre alt. Wie kaum ein anderes Gebäude dieser Stadt erzählt es von einer Zeit, in der Argentinien zu den reichsten Flecken des Planeten gehörte. Sehnsucht nach vergangener Grösse ist eines der Leitmotive der argentinischen Gegenwart. Allzu lächerlich wirkt aus heutiger Sicht der Satz des langjährigen Präsidenten Juan Perón: «Was eine Familie in Argentinien in den Müll wirft, davon können fünf in Europa überleben.» In einer unendlichen Abfolge von Krisen hat sich das Land in die Bedeutungslosigkeit manövriert. «Wir Argentinier haben alle einen selbstzerstörerischen Instinkt», sagt Barenboim. In Buenos Aires verstehen sie, dass das liebevoll gemeint ist. Con cariño. Wie der alte Witz, den der Dirigent gerne erzählt, um seine Landsleute zu beschreiben: «Der Argentinier steigt auf den Eiffelturm, um zu sehen, wie Paris ohne ihn aussieht.»

Seit einigen Jahren kommt er im Sommer, in Buenos Aires ist es dann Winter, mit seinem West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Menschen aus Israel, Palästina und anderen arabischen Staaten musizieren - als ob das ganz normal wäre. Barenboim sagt: «Hier im Orchester sind alle gleich. Diese Gleichheit existiert in Israel und Palästina nicht. Der Beweis ist, dass wir nirgendwo in der Region spielen können.»

In Buenos Aires wird das Orchester sowohl von der jüdischen Gemeinde wie auch von der islamischen Gesellschaft eingeladen. Der 29-jährige Posaunist Alon Stoler aus Israel sagt: «Beim ersten Mal war ich schockiert von der Begeisterung, mit der wir hier empfangen wurden.» Für den Cellisten Nacib Ahmadieh aus Libanon zeigt Argentinien, «dass Verständigung nicht so unmöglich ist».

Die Geschichte von Buenos Aires steht in jedem Telefonbuch, in der Namensliste jeder Schulklasse, in allen amtlichen Registern. Lousteau, Pugliese, Salimei, Krieger, Murphy Kicillof, Dujovne - das klingt wie eine Weltauswahl. Es sind wahllos herausgegriffene Namen argentinischer Wirtschaftsminister. Der frühere Präsident Carlos Saúl Menem war der Sohn zweier syrischer Einwanderer, der ehemalige Aussenminister Héctor Timerman stammt von litauischen Juden ab. Der Weltbürger Barenboim sagt: «Ich habe in Buenos Aires gelernt, was multiple Identitäten sind. Man kann hier Jude sein, Araber, Italiener, Deutscher und gleichzeitig Argentinier.»

Hier lebt die grösste jüdische Gemeinde Lateinamerikas, hier steht auch die grösste Moschee des Kontinents. Im Stadtteil Villa Crespo kreuzen sich die Strassen Estado de Israel und Estado de Palestina. Der Staat Israel und der Staat Palästina. An dieser unscheinbaren Ecke funktioniert die Zweistaatenlösung. Und Barenboim, der angeblich einzige Mensch mit einem israelischen und einem palästinensischen Pass, fühlt sich in seiner Geburtsstadt auch deshalb noch immer heimisch, weil er spürt, dass seine humanistische Botschaft hier weniger eine Sensation ist als eine Selbstverständlichkeit.

Sein Vater schickte ihn zum Boxen

Seine Grosseltern kamen Anfang des 20. Jahrhunderts aus Russland nach Argentinien. Die Oma war damals 14 Jahre alt, der Opa 16. Beide reisten, ohne sich zu kennen, allein auf dem Schiff. Barenboims Urgrosseltern waren schon ein paar Jahre zuvor ausgewandert. Die Einreiseformalitäten wurden damals an Bord der Schiffe im Hafen erledigt. Wer die Bedingungen nicht erfüllte, den liess man erst gar nicht an Land, dazu gehörten auch allein reisende Minderjährige. «Was dann passierte», sagt Daniel Barenboim, «das ist eine filmreife Geschichte.» Der Kapitän erklärte den beiden Jugendlichen, dass es nur eine Möglichkeit gebe, sie vom Schiff zu lassen - indem er sie verheirate. Beide wurden dann im Hafengebäude von ihren jeweiligen Familien abgeholt und gingen mit ihnen nach Hause. Erst zweieinhalb Jahre später hätten sich seine Grosseltern per Zufall wieder getroffen. «Sie haben sich verliebt. Und waren schon verheiratet.»

In diesem wundersamen Land verbrachte Barenboim die ersten zehn Jahre seines Lebens, häufig, aber nicht nur am Klavier sitzend. Wie jeder Argentinier spielte er Fussball. Sein Vater schickte ihn auch zum Boxen, «damit ich mir nichts auf meine Hände einbilde». Barenboim sagt, es habe in den Fünfzigerjahren in Buenos Aires keinen offenen Antisemitismus gegeben. Aber beklemmende Erlebnisse gab es durchaus. Die grosse jüdische Gemeinde, die schon seit Generationen hier verwurzelt war und die 45'000 deutschsprachigen Juden, die zwischen 1933 und 1945 Zuflucht fanden, bekamen nach dem Ende des Krieges plötzlich neue Nachbarn: Nationalsozialisten. Auch das gehört zu diesem Argentinien der unzähligen Identitäten, es ist das Land, in dem sich die Opfer und die Täter des Holocaust wiedertrafen. Adolf Eichmann, der hier 1960 von israelischen Agenten gefasst wurde, war nur einer von vielen, die in der Regierungszeit Peróns ohne grössere Probleme unterschlupfen konnten. Bald sei die jüdische Gemeinde traumatisiert gewesen von den vielen Nazis, die rumliefen, erzählt Barenboim.

Traumatisiert ist diese Gemeinde bis heute. 1994 fand in Buenos Aires eines der blutigsten antisemitischen Attentate nach dem Zweiten Weltkrieg statt, 85 Menschen starben bei dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum Amia. Wer dahintersteckte, ist noch immer nicht aufgeklärt. Der jüdische Staatsanwalt Alberto Nisman, der jahrelang ermittelt und eine Spur zu syrischen Attentätern verfolgt hatte, starb Anfang 2015 durch einen Kopfschuss. Auch dieser Fall ist ungelöst. Es gäbe also auch in Buenos Aires so manchen Grund, einem Projekt wie dem West-Eastern Divan Orchestra mit einem gewissen Argwohn zu begegnen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das gefällt Barenboim.

In der Umkleide haben sie ihm neben dem Apfelsaft und einem Aschenbecher für seine geliebten Zigarren auch belegte Weissbrote angerichtet. Recht lapprig sehen sie aus, die Kruste ringsherum abgeschnitten. Kurz bevor der Dirigent hinaus auf die Bühne tritt, sagt er: "Hm, Pan de miga, damit bin ich aufgewachsen."

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