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Auch die Zäune werden umzäunt

Der ungarische Komponist und Dirigent Péter Eötvös kommt in die Zürcher Tonhalle: Mit stotternden Sängern und einer politischen Botschaft.

Tiefsinn trifft Leichtsinn: Péter Eötvös und das Tonhalle-Orchester proben das «Oratorium balbulum». Foto: Sabina Bobst
Tiefsinn trifft Leichtsinn: Péter Eötvös und das Tonhalle-Orchester proben das «Oratorium balbulum». Foto: Sabina Bobst

«Könnten die Bläser hier ein wenig sarkastischer spielen?», fragt Péter Eötvös während der Orchesterprobe. Sie können – und spätestens in diesem Moment wird klar, dass es in diesem Stück nicht nur um präzise Klänge geht. Sondern um eine Haltung.

Das Stück ist Eötvös’ «Oratorium balbulum», ein stotterndes Oratorium. Vorbei sind die Zeiten, da einem das «Halleluja» leicht aus der Kehle strömte; das können selbst die vielen in die Partitur eingebauten «Hallelujas» von Monteverdi, Mozart oder Bruckner nicht ändern. Auch auf die Engel ist kein Verlass mehr; derjenige, der in diesem Werk auftritt, hat jedenfalls einen allzu starken Hang zu Nietzsche und Tomatensaft.

Es gibt viele Pointen in diesem Oratorium, das mit Chor und Orchester und Solisten zwar tatsächlich eines ist, sich selbst aber gleichzeitig ständig infrage stellt. Aber das Stück ist nicht nur witzig, sondern auch tief ernst, hoch politisch, geradezu prophetisch. «Wir ziehen überall Zäune, wir umzäunen sogar die Zäune,» heisst es einmal: Knapper lässt sich der derzeitige Zustand der Welt kaum zusammenfassen.

Dessert für die Karriere

Den Text hat Péter Esterhazy bereits 2010 geschrieben; die Salzburger Uraufführung des Werks hat er nicht mehr erlebt. Für Eötvös war er der Wunschschriftsteller für dieses Werk gewesen: «Esterhazy konnte sehr ernste Dinge mit sehr viel Leichtigkeit formulieren.»

Auch Eötvös selbst beherrscht den Spagat zwischen Tief- und Leichtsinn (und manchmal gern auch Unsinn). Damit sieht er sich zu Recht als Ausnahme in der Neue-Musik-Szene: Humor ist selten in zeitgenössischen Werken, «das meiste ist philosophisch inspiriert, ganz auf Emotionen ausgerichtet oder sehr konstruktivistisch: Das Letzte ist am häufigsten, denn beim Konstruieren fühlen sich die Komponisten sicher und anerkannt.» Der Satz könnte giftig klingen, wenn da nicht dieser schalkhafte Blick wäre: So kritisch sich Eötvös über alles Mögliche äussert, er tut es auf denkbar freundliche, verbindliche Art.

Das gilt auch, wenn es um Politik geht. Eötvös erzählt von der Budapester Aufführung des «Oratorium balbulum», von den starken Reaktionen, die das Werk ausgelöst hat in einem Land, das nach dem Bau eines Zauns an der Grenze zu Serbien und Kroatien nun einen weiteren plant, um die Flüchtlinge auf der Balkanroute zu blockieren. Aber so klar sich Eötvös gegen diese Politik (und all die anderen Mauerbauer) wendet, er will sich nicht als Gegner der Orbán-­Regierung exponieren: «Meine Funktion ist die politische Unabhängigkeit.»

Merkwürdig sei das, «einmal geht man mit der Opposition, ein anderes Mal macht man doch wieder mit». Aber es sei die einzige sinnvolle Haltung für ihn: «Man muss mit allen im Gespräch bleiben.» Und damit eine Ambivalenz aushalten, die durchaus gegenseitig ist: So hat die ungarische Regierung dem mittlerweile 73-jährigen Eötvös zwar den Sankt-Stephans-Orden verliehen, die höchste kulturelle Auszeichnung des Landes. Aber als Nachfolger des verstorbenen Zoltán Kocsis bei der Ungarischen Philharmonie wollte man ihn trotzdem nicht: «Da war ich wohl doch zu gefährlich.»

Das Doppelspiel läuft auch in jenem privaten Kulturzentrum, das ein Jazzposaunist in Budapest betreibt und an dem Eötvös beteiligt ist: «Der Ort ist eine Art Blitzableiter; auch für die Regierung ist es wichtig, dass es so etwas gibt.» So wichtig, dass sie immer wieder Geld gibt: etwa für den Bau einer Kammeroper neben dem Zentrum. In zwei Jahren soll sie eröffnet werden, Eötvös wird musikalischer Direktor.

Das Amt wird sozusagen das Dessert einer Karriere sein, die sich über viele Stationen entwickelt hat. Nach seinem Kompositionsstudium in Budapest wechselte Eötvös nach Köln, um auch noch Dirigent zu werden (und um mit einem weiteren Studium dem Einzug in die ungarische Armee auszuweichen). In Köln geriet er in den Kreis um Karlheinz Stockhausen, in den 1970ern gehörte er zu den Pionieren der elektronischen Musik. Später holte ihn Pierre Boulez nach Paris zum Ensemble Intercontemporain. Eötvös war ein Avantgardist, wie er im Buch steht – und sehnte sich danach, Theaterkomponist zu sein.

Bleistift und viel Radiergummi

So begann er in den 1990ern, Opern zu schreiben. «Drei Schwestern» wurde (auch in Zürich) zum Grosserfolg, und Eötvös hat gefunden, was er gesucht hatte: «Im Theater muss ich das Publikum mit dem ersten Ton erreichen», sagt er. Darum ging es ihm letztlich schon immer: Was er sich ausdenkt «mit Bleistift und viel Radiergummi», soll zugänglich sein; nicht unkompliziert, aber von bildlicher, szenischer Plastizität.

Auch das «Oratorium balbulum» ist letztlich Theatermusik: Wenn Peter Simonischek als Erzähler loslegt, wenn der Sänger stammelt oder eine Trompeten-Fanfare sich im Chaos verzettelt, dann hat das mit den Abstraktionen der einstigen Avantgarde nichts zu tun. Und ebenso wenig mit den krampfhaften Bemühungen, in jedem Moment «neu» zu sein: «Ein Musiker hat doch immer die ganze Tradition im Kopf», sagt Péter Eötvös. Wobei die konkreten Zitate für ihn weit weniger wichtig sind als die Haltung: Beethoven sei seine wichtigste ­Inspiration, sagt er, «der hat so viel gewagt»; bei Mozart schätzt er den Humor, bei Bach, dass er «Räume schuf». Dass man ihm gelegentlich Rückwärtsgewandtheit vorwirft, kontert er in aller Ruhe: «Es geht nicht um den Blick zurück, sondern darum, heute die europäische Musikgeschichte fortzusetzen.»

Er tut es nicht nur im Dialog mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart, mit seinen Interpreten. Zum Beispiel mit dem Schlagzeuger Martin Grubinger, der Eötvös’ «Speaking Drums» uraufgeführt hat und nun auch in Zürich spielt: Auch dies ein theatralisches, fast schon zirzensisches Stück, in dem der Solist nicht nur spielt, sondern auch spricht, grummelt, brüllt. Und dabei zeigt, dass Eötvös nicht nur ernste, sondern auch leichte Dinge mit viel Leichtigkeit formulieren kann.

Tonhalle-Konzerte: 22. bis 24. März, 19.30 Uhr. Workshop in der ZHdK: 27. und 28. März, Toni-Areal, Zürich.

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